Knapp 2,8 Millionen Menschen — so groß ist die Bevölkerung von Litauen. Das sind ungefähr genauso viele Einwohner wie im halb so großen Bundesland Brandenburg. Im Vergleich zu Deutschland ist der südlichste der drei baltischen Staaten ein kleines Land. Ein kleines Licht also? Von wegen! Litauen hat uns viel voraus! Vor allem im Bereich Digitalisierung. 

Von den Kleinen Großes lernen

„Wir wollen Deutschland unterstützen“, sagt Gintas Balčiūnas selbstbewusst. Er ist Geschäftsführer von Dokobit, dem größten Anbieter von E-Unterschriftslösungen in den Ostseestaaten und in Island. Ich treffe ihn auf der Smart Country Convention 2019. Auf der Messe im CityCube in Berlin dreht sich alles um digitale Lösungen für Verwaltungen und öffentliche Dienstleistungen: in Gemeinden, Städten, Regionen und im Bund. „Bei uns funktioniert Vieles schon digital“, sagt Balčiūnas. Neugeborene schnell online anmelden, Krankschreibungen vom Arzt direkt an den Arbeitgeber schicken lassen, den Führerschein online beantragen. Alles ganz normal in Litauen. Das kleine baltische Land ist Vorreiter in Sachen digitaler Bildung, Infrastruktur und E-Government. Und war deshalb Partnerland auf der Messe für smarte Lösungen in Berlin.

Litauen rockt die Digitalisierung

Klar ist: Litauen hat eine der schnellsten Internetverbindungen der Welt. Und das auch flächendeckend. Online auf dem Land? Ganz normal im baltischen Staat. „Besonders in ländlichen Regionen ist die Nachfrage nach digitalen Lösungen groß“, erklärt mir Gintas Balčiūnas. Logisch, denn genau dort sind die Menschen am weitesten entfernt von Führerscheinstelle, Bürgerbüro oder Rathaus. Das ist in Deutschland nicht anders. Digitale Lösungen braucht es nicht nur in Metropolregionen, sondern eben auch im ländlichen Raum. 

Auch auf der Smart Country Convention gab es Ansätze für Lösungen in der digitalen Provinz. So kam Bernd Fuhrmann zu Wort, Bürgermeister des Örtchens Bad Berleburg in Nordrhein-Westfalen, das am Smart Cities Programm teilnimmt. Oder auch Klaus Kreß, Ortsvorsteher von Bad Nauheim in Hessen, der die digitale Strategie des Ortes vorstellte. Insgesamt waren mir die Projekte und Ideen für die Digitalisierung des ländlichen Raumes aber noch zu unterrepräsentiert. Woran liegt das eigentlich? An mangelnder Nachfrage? Oder fehlendem Interesse bei den Bewohnerinnen und Bewohnern? Ganz sicher nicht! Schließlich wohnen auf dem Land die meisten Menschen.  

Ich glaube, dass der Fokus hier immer noch falsch liegt. Klar muss Digitalisierung auch in Hamburg, München und Berlin vorangetrieben werden. Keine Frage, der digitale Wandel findet überall statt. Nur mit dem Unterschied, dass er in den Metropolen mittlerweile fast von allein läuft. Die Bedingungen für kreative Köpfe und Digitalunternehmen sind in der Stadt vielfach gegeben. Anders sieht es auf dem Land aus. Hier fehlt es noch immer an modernen digitalen Lösungen. 

Festgefahrene Arbeitsweisen aufbrechen

Dass es daran mangelt hat viele Ursachen. Technik oder fehlender Breitbandausbau sind nicht immer die einzigen Gründe. Das bestätigt auch Sonja Anton von Tech4Germany. „IT ist nicht das Problem der Digitalisierung.“ Sie leitet das Tech-Startup, das die Bundesregierung fit machen soll für den digitalen Wandel. Dafür bringt es IT-Talente, Designer und Entrepreneure mit Behörden und Ministerien zusammen, um gemeinsam digitale Lösungen zu entwickeln und implementieren. „Das größte Hindernis dabei ist nicht die Technik oder fehlende Infrastruktur, sondern etablierte Strukturen und festgefahrene Arbeitsweisen“, sagt Anton.

IT ist nicht das Problem der Digitalisierung.

Sonja Anton, Tech4Germany

Besonders in Behörden oder Verwaltungen ein altbekanntes Problem: Wir haben das schon immer so gemacht! Warum sollen wir jetzt etwas anders machen? Lean arbeiten, agiles Projektmanagement – Fehlanzeige. Selbst die beste Digitalisierungsstrategie bringt nichts, wenn niemand sie implementieren kann oder will. Hier hat Deutschland noch viel Nachholbedarf. 

Was bleibt nach drei Tagen Smart Country Convention 2019? Die Hoffnung, dass einige es bereits verstanden haben und Lösungen für den ländlichen Raum ersinnen. Wie zum Beispiel das Bundesland Brandenburg. Der Messestand befand sich bezeichnenderweise direkt neben dem von Litauen. Dort zu sehen: digitale Projekte und Initiativen aus der Region. CoWorking in Wittenberge, das Workation Retreat COCONAT in Klein Glien, die Smart Village App, der Digitalsommer Prignitz oder auch die mobile Kocheinheit Cookin’ Roll. Alles Zeichen dafür, dass sich hier was bewegt im Bereich Digitalisierung auf dem Land.