Wie viele andere Städte im Osten hat auch Magdeburg zunehmend mit Leerstand in der Innenstadt zu kämpfen. Woran liegt das? Daniel Krüger findet: An zu wenig Raum für Bürgerbeteiligung, zu geringer Dialogbereitschaft und an zu wenigen digitalen Möglichkeiten. Ein Gastkommentar.

Auf digitalen Kanälen diskutiere ich leidenschaftlich gern mit, wenn es um Magdeburg und die Entwicklung der Stadt geht. Und derzeit gibt es viele Diskussionen um die beiden Zentren der Stadt: Die kleinen Geschäfte in der Innenstadt sterben langsam und am Hasselbachplatz schließen immer mehr Kneipen.

Aber der Reihe nach. Zuerst die Innenstadt. Aus nachvollziehbaren Gründen hat man nach der Wende eine Bebauung der Innenstadt mit drei großen Einkaufszentren zugelassen. Bereits damals gab es viele Stimmen, die davor gewarnt haben. Eine Innenstadt könne nicht funktionieren, wenn ein Großteil ihrer Fläche privatisiert wird, hieß es. Der unabhängige Einzelhandel würde leiden und die Funktion der Innenstadt als sozialer und wirtschaftlicher Mittelpunkt verhindert.

Zeigt Plakat von Zukunft Innenstadt

Nicht erst heute sehen wir, dass diese Bedenken gerechtfertigt waren. Hinzu kommt der Onlinehandel. Die Digitalisierung stellt den Einzelhandel zunehmend vor Herausforderungen. Die Ratlosigkeit ist groß und inzwischen suchen selbst konservative Politiker und Beamte nach alternativen Lösungen wie Zwischennutzungen und Leerstandsbörsen. Diese Gesamtentwicklung war seit den 90ern absehbar und nichts wurde unternommen. 

Und dann der Hasselbachplatz. Hier lebe und arbeite ich seit langem und gerne. Die gewachsene Durchmischung des Viertels gefällt mir genauso, wie der Umstand, dass hier vor allem abends viele gesellschaftliche Milieus und Kulturen aufeinandertreffen. Doch seit Jahren entwickelt sich der “Hassel” vom Kneipen- und Ausgehviertel zum Problembereich. Selbst in Halle wurde ich neulich gefragt, ob man hier noch sicher leben kann. 

Zeigt Kneipenviertel Hasselbachplatz
Der Hasselbachplatz: Kneipen- und Ausgehviertel

Seit Anfang der 2010er Jahre wurde der kommende Wandel offensichtlich, denn Angebot und Nachfrage passen nicht mehr zusammen. Das Ausgehverhalten ändert sich. Die Menschen wollen etwas Besonderes, wenn sie ausgehen. Neue Ideen, Partys und Konzeptgastronomie sind eher gefragt, als die alteingesessene Kneipe. Weiterhin digitalisiert sich das Leben der Bürger. Onlineangebote werden nicht nur von jungen Leuten oft dem klassischen Kneipenabend vorgezogen. Gleichzeitig drängt es viele Menschen immer öfter einfach nach draußen an unkommerzielle Orte. Die Verwaltung reagiert darauf mit Verboten. Erst will man den Alkohol verbieten, dann die Spätshops unterbinden, später vielleicht noch das Draußensitzen. Am Ende hätten wir auf diesem Wege einen gentrifizierten Stadtteil, der zwar ruhig ist, aber keinen Platz bietet für Vielfalt und ein lebendiges Nachtleben. 

Sicher ist, auch diese Entwicklungen sind keine Überraschungen. Nichts, das man nicht schon vor einigen Jahren erkennen und bearbeiten hätte können. Was also sollte die Stadt tun? 

Digitalisierung ist die Grundlage

Meine Antwort darauf heißt Digitalisierung. Denn diese Probleme zeigen eine Kluft zwischen dem, was die Stadt plant und der Realität der Menschen vor Ort. Es muss ein Dialog geschaffen werden zwischen allen Beteiligten und dieser Dialog geht heute vor allem digital. Die Digitalisierung ist der wohl wichtigste Aspekt, wenn es um eine zeitgemäße Stadtentwicklung geht. In Magdeburg fehlen digitale Angebote für Service, Austausch und Beteiligung von Bürgern. Wer sich damit auseinandersetzt, findet viele Beispiele für sich digitalisierende Städte und Regionen in Deutschland. Die Lausitz und Hamburg nenne ich hier beispielhaft.

Außerdem brauchen wir in Magdeburg ein Klima der technologischen und gesellschaftlichen Innovation. Alle Prozesse im Leben der Bürger und in der Wirtschaft werden nach und nach digitalisiert. Eine digitale Stadt handelt transparent, schafft eine effiziente Verwaltung und versteht den Bürger als gern gesehenen Kunden. Davon ist die Landeshauptstadt weit entfernt und es wird Zeit, dass die Digitalisierung einzieht in die hiesigen Amtsstuben. Weitere Stichworte sind beispielsweise ein digitales Bürgerbüro und die Veröffentlichung von Dokumenten nach Open Data-Richtlinien

Zeigt Magdeburger Schleinufer bei Nacht

Bürger wollen beteiligt werden

Man hört es allerorten. Die Zeiten, in denen Politik und Verwaltung einsame Entscheidungen an den Menschen vorbei fällen, gehen langsam aber sicher vorbei. Die Bewohner wollen niedrigschwellig beteiligt werden, wenn es um die Gestaltung ihres Lebensumfeldes geht. Eine engagierte Zivilgesellschaft ist das Beste, was einer Stadt passieren kann, wenn sich denn Politik und Verwaltung darauf einlassen.

Die Realität in Magdeburg sieht jedoch anders aus. Es gibt nur sehr wenige Beteiligungsformate und die meisten Entscheidungen werden von oben nach unten durchgegeben und sind umzusetzen. So jedenfalls empfinde ich das. Dazu kommt eine Verwaltung, die teilweise rigoros Verordnungen durchsetzt, ohne zu schauen, ob ihr Handeln vielleicht mehr Schaden als Nutzen bringt. Beteiligung von Bürgern erweitert jedoch nicht nur das Expertenwissen, sondern stärkt auch die Demokratie. Denn Menschen, die sich nicht gehört fühlen, machen ihr Kreuz eher bei Populisten als solche, deren Engagement ernst genommen wird. In Bonn, Ludwigshafen oder Potsdam werden Bürger aktiv in die Entwicklung von Stadtteilen oder städtischen Haushalten eingebunden. Digitale Plattformen ermöglichen an dieser Stelle einen direkten Dialog zwischen Politik, Verwaltung und Bürgern. Gleichzeitig versachlichen sie die Diskurse, die sonst oft in einfache Pro-Contra-Diskussionen münden. Insgesamt gewinnen auf diesem Weg alle Beteiligten. 

Es braucht Konzepte

Im Fall des Stadtzentrums erscheint das Handeln der Stadt strategielos. Wie soll beispielsweise der Hasselbachplatz in zehn Jahren aussehen? Ausgeh- und Partymeile oder Wohn- und Geschäftsviertel? Darauf hat niemand eine Antwort. Immer wenn es Vorfälle gibt, wird hektisch agiert und in den Hinterzimmern der Verwaltung wird versucht, Schadensbegrenzung zu betreiben. Der Hasselmanager kommt nun höchstwahrscheinlich, wird aber beim Stadtmarketing-Verein Pro M angesiedelt. Dort jedoch fehlen jegliche Referenzen im Stadtteilmanagement. Das bisherige Konzept beruht auf Marketing und Events. Es behandelt also die Oberflächen. Was fehlt ist eine Strategie.

Zeigt Magdeburger Hasselbachplatz am Tag
Wie geht es in Zukunft weiter mit dem Hasselbachplatz in Magdeburg?

Bräuchte es nicht etwa einen Quartiersmanager, der die unterschiedlichen Vertreter von Gastronomie, Einzelhandel, Bewohner und Stadt auf einer digitalen Plattform zusammenbringt und gemeinsame Ziele erarbeitet? In der Wirtschaft befasst man sich mit Begriffen wie Vision und Mission für Firmen oder Projekte. Was also ist die Vision für die Innenstadt und welche gibt es für den Hasselbachplatz? Und wer entwickelt an welcher Stelle aus der Vision eine Mission und macht sich auf, diese umzusetzen? 

Leben ist Veränderung. Veränderung indes bedeutet heute vor allem Digitalisierung und Abkehr von einem hierarchischen Denken in Politik und Verwaltung. 

Natürlich kosten Digitalisierung und Bürgerbeteiligung zuerst vor allem Geld und Kraft. Sie verlassen ausgetretene Pfade und fordern Kreativität. Wenn sie aber dazu führen, dass es weniger Konflikte und mehr gemeinsame Ziele in der Stadtgesellschaft gibt, sollten wir diese Kosten und Mühen nicht scheuen. 


Über den Autor:

Zeigt Daniel Krüger im Portrait

Daniel Krüger ist in Wolmirstedt geboren, einem 11.500 Einwohner Örtchen in Sachsen-Anhalt. Er hat in Dortmund und Köln Film studiert und kehrte dann in die Provinz zurück. Seit über 10 Jahren engagiert er sich im Bereich digitale Kommunikation und Transformation. Er ist Inhaber der Digitalagentur Korrektur NachOben in Magdeburg. 

Im Oktober 2019 hat er die Plattform Digitale Provinz ins Leben gerufen. Gemeinsam mit seinem Redaktionsteam will er Projekte und Regionen ins Licht rücken, die oft zu kurz kommen. Positive Beispiele vom Wandel im ländlichen Raum sind sein Thema. Dabei gilt es auch, Entscheidungen in Politik, Verwaltung und Wirtschaft zu hinterfragen. 


Dieser Beitrag wurde am 28. September 2019 als Gastkommentar auf MDR Sachsen-Anhalt veröffentlicht.