Unser wöchentliches Update zu News und Meinungen rund um die Digitalisierung abseits der Metropolen.

Die digitale Transformation hat die ganze Welt erfasst und ist längst auch in der Provinz angekommen. Hier trifft der Wandel allerdings häufig auf größere Herausforderungen als in den Metropolen. Themen wie eGovernment, New Mobility und Telemedizin haben es im ländlichen Raum aus diversen Gründen schwerer. 

Viele VordenkerInnen und digitale TransformatorInnen, die nicht in eine Metropole ziehen oder gar in die Provinz wechseln, beschäftigen sich mit diesen Problemen. Wir wollen sie dabei unterstützen, den Transformationsprozess auch in der Fläche voranzubringen. Darum liefern wir Nachrichten, Meinungen und Diskurse zum Thema Digitale Provinz. Jede Woche neu. 

In unserer ersten Ausgabe geht es unter anderem um unnötige Förderprogramme, den Erfolg der Digitalen Dörfer und den Social Media Clou der Tagesschau.

Bitte nicht noch ein Förderprogramm

Das war los: Am 18. November hat Spiegel Online ein Interview mit Jens Südekum veröffentlicht. Der Ökonom hat für eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung Entscheider in Ländern und Kommunen interviewt. Unter anderem hat er sie gefragt, ob und wo die Fördermittel der EU eigentlich ankommen.

Zeigt Spiegel-Artikel von Benjamin Bidder

Nicht überraschend: Die Gelder kommen niemals dort an, wo sie ankommen sollen: Nämlich in den strukturschwachen Regionen. Kein Wunder, denn die Förderprogramme von Ländern, Bund und EU sind hochkomplex. Anträge zu stellen, heißt: 

  • passende Programme aus einer Unmenge recherchieren und identifizieren
  • sehr aufwendige Anträge schreiben
  • einen oft nicht unwesentlichen Eigenanteil erbringen
  • die Fördermaßnahmen gesetzeskonform umsetzen
  • nach Abschluss akkurat abwickeln und abrechnen

All das ist für kleine Kommunen oft nicht leistbar. Entweder sind die personellen Ressourcen nicht vorhanden oder der Eigenanteil kann nicht erbracht werden. Häufig auch beides.
Auch andere Studien kommen auf dasselbe Ergebnis, zum Beispiel der Smart City Readiness Check 2018.  

Nichts Neues: Bereits seit Jahren wird eifrig darüber diskutiert, dass Fördermittel nicht abgerufen werden. Besonders im Bereich der Digitalisierung könnten einem da graue Haare wachsen: In Sachsen beispielsweise wurden bis August lediglich 0,9 Prozent der bewilligten Breitband-Fördermittel des Bundes abgerufen, mehr Infos dazu gibt es hier. Die Politik ärgert’s, die Kommunen sind frustriert. Wie geht es da nun weiter?

Plan der Regierung: „Bitte nehmt das Geld!“ Bundesfinanzminister Olaf Scholz kündigte bereits Ende September an, dass Antragsverfahren vereinfacht werden sollen. Dafür sollen vorher die Förderrichtlinien überarbeitet werden. Klingt alles andere als schnell und einfach. Andreas Brohm, Bürgermeister von Tangerhütte in Sachsen-Anhalt schrieb auf Twitter dazu:

Finden wir auch.

Funklöcher sind nicht das Problem

Das war los: Am 17. und 18. November hat sich die Bundesregierung in Meseberg in Brandenburg getroffen. Zur großen Digitalklausur oder, wie Sascha Lobo es nennt, „zum Funklochgipfel“. Nach Funkloch-App und Mobilfunkstrategie wollten die Politiker entscheiden, wie es nun weitergeht mit der Digitalisierung in Deutschland. 
Realsatire: Während Kristin Becker in der Tagesschau über den Gipfel in Meseberg berichtet, bricht die Leitung weg – Wegen eines Funklochs. Das sorgte im Netz für nicht wenig Belustigung.

Und was kam nun beim Gipfel heraus? Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland. Das sieht nun mittlerweile auch die große Koalition ein. Der für digitale Infrastruktur zuständige Minister Andreas Scheuer formulierte es so: „Wir haben Nachholbedarf.“ Geplant ist nun der Bau von 5000 Mobilfunkmasten, die dafür sorgen sollen, dass die „Empfangsinseln“ (Sascha Lobo) weniger werden. Eine Milliarde Euro macht der Bund dafür locker.

Wir sind skeptisch. Funklöcher schließen? Moment, das kommt uns doch irgendwie bekannt vor. Schon 2015 hatte der damalige Verkehrsminister Alexander Dobrindt angekündigt: „Klar ist: 2018 sind dann auch alle lästigen Funklöcher in Deutschland geschlossen.“ Liebe Politik, was habt ihr denn eigentlich die letzten 4 Jahre so gemacht?

Ach ja! 5G-Frequenzen versteigert. Natürlich.

Zeigt Logo des Digitale Dörfer Projektes

Digitale Dörfer Projekt geht weiter

Das war los: Am 11. November trafen sich in Göllheim in Rheinland-Pfalz die Projektverantwortlichen des Digitale Dörfer Projektes zur Ergebnispräsentation. Im Raum stand die Frage: Fortführung des Projektes Ja oder Nein? 

Worum geht es im Projekt? Seit fünf Jahren testet Rheinland-Pfalz gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE, wie ländliche Orte von digitaler Technik profitieren können und dadurch lebenswerter werden. Dem Digitale Dörfer Projekt geht es aber nicht um Technik oder Breitbandausbau, sondern um einen ganzheitlichen Ansatz. Sprich: Was braucht eine Gemeinde, damit sich alle dort wohl fühlen und auch junge Menschen bleiben wollen? 
In den Modelldörfern Göllheim, Eisenberg und Betzdorf-Gebhardshain wurden Bürgerworkshops durchgeführt, in denen praktische Lösungen erdacht und diskutiert wurden. 

Was kam dabei heraus? Ideen, die mittlerweile von vielen Gemeinden und kleinen Orten quer durch das ganze Bundesgebiet genutzt werden. Wie zum Beispiel die DorfNews, ein lokales Onlineportal, das die Bewohner ländlicher Gemeinden schneller miteinander vernetzt. Oder auch der DorfFunk, eine DorfApp, die den Plausch am Gartenzaun nicht ersetzt aber neue Möglichkeiten der Kommunikation bietet. Wie zum Beispiel in Hasborn-Dautweiler im Saarland. 

Wie geht es nun weiter? Das Projekt wird fortgeführt. Rheinland-Pfalz hat den drei Modellregionen weitere Fördermittel in Höhe von je 120.000 Euro für die Jahre 2020 und 2021 zugesprochen. Die Modellgemeinden freut’s und auch andere ländliche Kommunen dürften von der Weiterentwicklung des Projektes profitieren.

Digitale Kommunikation

Der Social Media Clou der Tagesschau

Die Tagesschau auf TikTok? Am 1. April hat die Tagesschau auf ihrem Facebook-Account eine Umfrage gestartet: Tagesschau auf TikTok? Ja oder Nein? Ziel sei es, mehr junge Zuschauer zu erreichen. 
Bis heute hat der Post 942 Likes und 225 überwiegend positive Kommentare bekommen. Zwar hat die Tagesschau den Post kurz danach als Aprilscherz bezeichnet, seit dieser Woche ist aber klar: Es war keiner. Stand unserer Redaktion heute folgen dem TikTok-Account der Tagesschau bereits 37.100 Follower. Das erste Video mit dem Titel „Outfit of the day“, das Jan Hofer beim Wechseln seiner Krawatte zeigt, hat immerhin schon 117.500 Likes.

Zeigt TikTok Account der Tagesschau

Was erwartet uns? Laut Kanalbeschreibung „Infos, Erklärvideos und exklusives Behind-the-Scenes-Material.“ Nach den bunten Krawatten von Jan Hofer gab es dann direkt auch ein zweites Kurzvideo mit ernsterem Inhalt: Es zeigt die Reaktion eines Polizisten auf einen Gaffer, der bei einem Verkehrsunfall mit Toten ein Foto machen will. So ziemlich jeder Viewer sollte nach dem Beitrag verstanden haben, dass die Bundesregierung das ab jetzt unter Strafe stellen wird. 

Warum ausgerechnet TikTok? Bei Instagram hat die Tagesschau bereits 1,1 Millionen Abonnenten und fast 6000 Beiträge. Die traditionsreiche Nachrichtensendung hat verstanden, dass es heute wichtiger denn je ist, die Sprache der Zielgruppe zu sprechen. Für TikTok heißt das: Jüngere Nutzerinnen und Nutzer zwischen 16 und 24 Jahren.

Wie finden wir das? Ganz unumstritten ist die chinesische Kurzvideo-App TikTok nicht. Vor allem im Hinblick darauf, dass politische Inhalte gefiltert werden. Bisher wiesen die Betreiber den Vorwurf einer Zensur zurück, aber: Ein kürzlich an The Guardian geleaktes Dokument zeigt das Gegenteil. Demnach müssen Moderatoren verschiedene Themen aus dem Bereich Politik und Religion und bestimmte Namen entweder auf „visible to self“ stellen (dann können sie nicht verbreitet werden) oder direkt löschen. #hongkongprotests

Man darf also gespannt sein, welche Inhalte der Tagesschau in der nächsten Zeit bei TikTok so erscheinen. Wir finden trotzdem: Well done, Tagesschau! Es ist wünschenswert, dass auch die Generationen nach uns noch zwischen echten Nachrichten und Fake News unterscheiden können. 

Account der Woche

Das ist passiert: Greenpeace-Aktivisten behaupteten am Donnerstag, sie hätten den großen roten Buchstaben „C” aus dem Logo der CDU im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin entfernt. In einem eigens angelegten Twitter-Account gibt das „C“ nun an, sich vom „DU“ zu trennen und auf Reisen zu gehen. Greenpeace will damit gegen die desaströse Klimapolitik der CDU protestieren. 

Das ist großartig: Die Antwort der CDU ließ nicht lange auf sich warten: Per Twitter-Account Ich bin das Du meldet sich die Parteispitze mit Paul Ziemiak aus Leipzig vom CDU-Parteitag. Eine pfiffige Reaktion. Scheinbar hat die CDU doch etwas von Rezo gelernt. 

Around the world

Während wir in Deutschland noch Funklöcher stopfen, entstehen am anderen Ende der Welt neue digitale Trends. Zum Beispiel HADO in Japan. Mit Augmented Reality können Sportler in einer digitalen Welt gegeneinander antreten. Esport und Gaming lassen grüßen. Mittlerweile gibt es auch erste Ableger in Europa.

Unsere 3 Linkempfehlungen fürs Wochenende

T3N schreibt über die neue Landlust:
https://t3n.de/news/chancen-digitalen-arbeit-neue-landlust-1224516/

Zeit online befragt Landbewohner: Was müsste passieren, damit Sie öfter das Auto stehen lassen?
Hier könnt ihr teilnehmen: https://www.zeit.de/mobilitaet/2019-11/mobilitaet-autoverzicht-laendliche-entwicklung-oeffentlicher-verkehr-abhaengigkeit

Tesla-Gigafactory in Berlin: Warum Elon Musk an der deutschen Arbeitskultur verzweifeln könnte: https://www.businessinsider.de/tesla-in-berlin-elon-musk-deutsche-arbeitskultur-verzweifeln-2019-11?xing_share=news


Wir wollen den digitalen Wandel mitgestalten. Also bitte gern: lesen, nachdenken, teilnehmen und mitdiskutieren. Welche Themen haben euch diese Woche beschäftigt? Schreibt uns an digitaleprovinz@korrekturnachoben.de oder kommentiert unter den Beitrag.

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