Unser wöchentliches Update zu News und Meinungen rund um die Digitalisierung abseits der Metropolen.

Die digitale Transformation hat die ganze Welt erfasst und ist längst auch in der Provinz angekommen. Hier trifft der Wandel allerdings häufig auf größere Herausforderungen als in den Metropolen. Themen wie eGovernment, New Mobility und Telemedizin haben es im ländlichen Raum aus diversen Gründen schwerer. 

Viele VordenkerInnen und digitale TransformatorInnen, die nicht in eine Metropole ziehen oder gar in die Provinz wechseln, beschäftigen sich mit diesen Problemen. Wir wollen sie dabei unterstützen, den Transformationsprozess auch in der Fläche voranzubringen. Darum liefern wir Nachrichten, Meinungen und Diskurse zum Thema Digitale Provinz. Jede Woche neu. 

In unserer zweiten Ausgabe geht es um Glokalisierung, einen preisgekrönten Coworking-Ort und kostenlose Busse in der Provinz.

Zurück aufs Land!

Worum geht’s? Das Thema ist zwar nicht neu, wird aber immer wieder neu diskutiert: Wie bekommen Kommunen junge Menschen (zurück) aufs Land? Was tun, wenn der ländliche Raum demografisch immer älter wird, während die Städte immer voller werden? Bereits jetzt gibt es zum Beispiel in Berlin mehr Menschen, als es die Stadtplanung für die nächsten Jahre vorsieht. (Tagesspiegel)

Berlin ist voll – Tagesspiegel Artikel Headline

Aktueller Input dazu kam diese Woche von Daniel Dettling. Der Politikwissenschaftler findet, dass die Probleme auf dem Land (fehlende ÄrztInnen, unzureichende Verkehrsmittel) schnell angepackt werden müssen. Dettling sieht einen großen Vorteil in der Glokalisierung, sprich: Menschen leben auf dem Land (lokal), können aber von dort aus überall auf der Welt (global) arbeiten. Stichwort Coworking, ein echter Heimvorteil für den ländlichen Raum.

Think global, act local: Mehr zum Thema Glokalisierung am Beispiel einer Kommune im Odenwald gab es vor einer Weile auch in der FAZ.

Ausgezeichnet!

Was war los? Auch überregional wird der Mehrwert der kreativen Nutzung ländlicher Räume anerkannt. Am 21. November wurde in Rostock der Deutsche Tourismuspreis 2019 vergeben. Den ersten Platz belegte Coconat. Das Coworking Retreat aus dem brandenburgischen Örtchen Klein Glien überzeugte die Jury mit seinem Konzept, weil es „den Trend Coworking vom urbanen in den ländlichen Raum [trägt]“. Hier geht es zum Auszeichnungsvideo.

Das ist großartig! Wir freuen uns mit Coconat. Über offene Räume im ländlichen Raum, gesunde Produktivität und eine Sonnenterrasse hat unsere Redakteurin Anne Wihan kürzlich mit Julianne Becker, Mitgründerin von Coconat, für einen Beitrag gesprochen.

Foto: Tilman Vogler

Meinung oder Meinungsmache?

Worum geht’s? Am 22. November hat die Zeit Online einen Artikel über Autofahren auf dem Land veröffentlicht. Darin geht Autor Hannes Leitlein der Frage nach, warum LandbewohnerInnen so selten ihr Auto stehen lassen. Er befand: „Auf dem Land ist keine Strecke zu kurz, um sie nicht mit dem Auto zu fahren.“

Die Zeit Online hat den Artikel am 22. November und dann erneut am 25. November auf Twitter geteilt. 

Was geschah dann? Zwei Dinge: 1. Der Artikel verschwand bald hinter einer Paywall und 2. Er erzeugte einen regelrechten #shitstorm an Kommentaren auf Twitter. (Oder eher umgekehrt.)

Tweet von Frank Sälzer
Tweet von Neophyst

Ein Twitter-Nutzer zieht eine für uns ganz passende Schlussfolgerung:

Viel wichtiger! Finden wir den Artikel von Vanessa Materla vom 19. November, der in der ganzen Twitter-Aufregung etwas untergegangen ist. Auf diesen bezieht sich nämlich Hannes Leitlein in seinem Beitrag. 

Worum ging es? Um einen Testballon der Bundesregierung, der zeigen soll, ob die Nutzung des Nahverkehrs vom Ticketpreis abhängt. Seit ungefähr einem Jahr können die BewohnerInnen von Pfaffenhofen in Bayern nun deswegen schon kostenlos Bus fahren. Auch das Städtchen Monheim in Nordrhein-Westfalen möchte das Projekt Anfang 2020 ausprobieren. (zdf.de)

Warum? Für’s Klima: Weg vom Auto, hin zum Nahverkehr. Quasi das Gegenstück zu drohenden Fahrverboten in den Innenstädten der Metropolen. 

Klappt das in Pfaffenhofen? Der engagierte Bürgermeister, Thomas Herker, sieht noch viel Luft nach oben. Oft bleiben die Busse leer. Er sagt: „Die Pfaffenhofener lieben ihr Auto.“ Nicht ganz unwesentlich dabei: Pfaffenhofens Lage zwischen Ingolstadt und München. Bekannte deutsche Automarken sind beliebte Arbeitgeber in der Gegend. Und Firmenwagen keine Seltenheit. 

Das Fazit: Es braucht unbedingt mehr Projekte und Ideen für Mobilitätslösungen im ländlichen Raum! Hier sehen wir ein echtes Problem für die Transformation. Menschen müssen mobil bleiben, sollen aber weniger mit dem Auto fahren. Und vor allem müssen sie einbezogen werden in die Entscheidungen für neue Konzepte. Wie das alles gelingen kann, bleibt bisher offen. Was nutzt ein günstiger ÖPNV, wenn niemand einsteigt, weil er stattdessen andere Lösungen braucht? Oder weil der Bus doch nur zur Schule und zurück fährt? 

Die Frage an euch: Kennt ihr Konzepte, die diese Diskussion bereichern können oder Menschen, die daran arbeiten? Was ist eure Meinung zu diesem Thema? Mobilität auf dem Land – darüber würden wir gern einen Podcast machen! Wen sollten wir eurer Meinung nach interviewen? 
Schreibt uns gern an digitaleprovinz@korrekturnachoben.de oder auf Twitter

Zitat der Woche

„Ich würde gern daran arbeiten, dass Menschen mit Einschränkungen am politischen Leben teilhaben können. Wenn wir es mit der Barrierefreiheit und Nichtdiskriminierung ernst nehmen, muss es möglich sein, auch digital an Abstimmungen teilzunehmen.“

Jimmy Schulz, Vorsitzender des Ausschusses Digitale Agenda der Bundesregierung, verstarb am 25. November im Alter von 51 Jahren an seiner schweren Krebserkrankung. Dem Spiegel gab er im Sommer sein letztes Interview.
Wolfgang Schäuble hielt am Dienstag im Bundestag einen kurzen Nachruf für den  engagierten Netzpolitiker:

Digitale Kommunikation

Twitter will inaktive Konten löschen

Worum geht’s? Diese Woche gab Twitter bekannt, dass ab dem 11. Dezember 2019 alle inaktiven Konten gelöscht werden. Als inaktiv gilt ein Konto dann, wenn sich im letzten halben Jahr niemand darin eingeloggt hat.

Was passierte dann? Die Antworten der NutzerInnen ließen nicht lange auf sich warten. Vor allem in Bezug auf Konten von Verstorbenen gibt es bisher noch keine einheitliche Richtlinie. Twitter reagierte kurze Zeit später darauf und gab bekannt, dass die Löschung vorerst verschoben wird.

Nutzerin umgeht TikTok-Zensur

Was ist passiert? Am 25. November erschien ein Video auf TikTok, das wie ein ganz normales Makeup-Tutorial wirkte. Noch mit der Wimpernzange in der Hand sprach Userin Feroza Aziz allerdings nach einigen Sekunden über die dramatische Situation der muslimischen Minderheit der Uiguren in China (Artikel dazu bei t3n).

Zeigt TikTok Video von Feroza Aziz

Was ist daran besonders? Bereits letzte Woche haben wir über TikTok und seine Zensur politischer Inhalte berichtet.

Was passierte dann? Es war zu erwarten: TikTok sperrte den Account. Viral ging der Beitrag von Feroza Aziz trotzdem.

Bundeswehr postet Naziuniform auf Instagram

Was war los? Am 26. November erschien auf dem offiziellen Instagram-Account der Bundeswehr das Bild einer alten Wehrmachtsuniform. Der Post dazu lautete: „Auch Mode ist ein Aspekt. Bis heute halten sich militärische Stilelemente in der Haute Couture.“

Zeigt Wehrmachtsuniform

Dabei wurden erst vor kurzem die neuen Social Media Guidelines der Bundeswehr veröffentlicht, in denen es u.a. heißt: „Bundeswehrangehörige sollen sich, ihren Arbeitgeber und ihren dienstlichen Alltag authentisch, stolz und mit Freude präsentieren.“

Was passierte dann? Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums räumte einen Fehler ein. Der Post wurde entfernt.

Social Media Guidelines der Bundeswehr? Vivien Stellmach von BASIC thinking ist der Meinung, dass es sich bei den Richtlinien weniger um eine Hilfestellung für die angemessene Präsenz der Bundeswehr in den Sozialen Netzwerken, sondern vielmehr um eine „strenge Maulschleife“ handele. Der Hauptstadtkorrespondent des DLF, Klaus Remme, formuliert das etwas deutlicher: „Man hätte vielleicht dazu schreiben sollen: ‚Veröffentlichen Sie keine Bilder von Wehrmachtsuniformen mit Hakenkreuzen.‘ Das hätte geholfen.“

Blogtipp der Woche

Hier stöbern wir gern! Neue digitale Orte bei SmartCountry
Digitale Lösungen, die die Lebensqualität in Kommunen steigern? Einen tollen Überblick bietet die Bertelsmann Stiftung mit ihrem Blog Smart Country.

Das ist großartig! Unsere drei Lieblingsprojekte derzeit: der Digitalkompass für Senioren, die Schlagloch-Software und die Pampa-App.

Startseite Pampa App

Video der Woche

Und was war bei der heute SHOW so los? Auf Instagram grüßt sie alle DorfbewohnerInnen.

Instagram Ausschnitt heute SHOW

Drei Linkempfehlungen fürs Wochenende

Gut recherchierter Artikel bei ntv zum Kodorf in Wittenberge:
https://www.n-tv.de/politik/Eine-Stadt-erfindet-sich-neu-article21408999.html

Karriere muss jenseits der 40-Stunden-Woche möglich sein. Ist New Work die Lösung?
http://www.accelerate-academy.de/ist-new-work-die-loesung-fuer-berufstaetige-eltern/

Tweet der Woche: Donald Trump twittert ein Bild, auf dem sein Kopf auf den Körper von Rocky montiert ist.


Wir wollen den digitalen Wandel mitgestalten. Also bitte gern: lesen, nachdenken, teilnehmen und mitdiskutieren. Welche Themen haben euch diese Woche beschäftigt? Schreibt uns an digitaleprovinz@korrekturnachoben.de oder kommentiert unter den Beitrag.

Auf dem Laufenden bleiben – Newsletter abonnieren.