Bielefeld als neuer Melting Pot der Start-Up Szene? Ja, das klappt. Foto: Benni Janzen

Das einzige, was am Donnerstag nicht wirklich mitgespielt hat, war das Wetter. Als drinnen im Lokschuppen in Bielefeld die Konferenz Hinterland of Things auf Hochtouren lief, regnete es draußen in Strömen. Und in Strömen kam nicht nur das Wasser, sondern auch die Teilnehmer*innen: Die Konferenz war ausverkauft, 1.300 Technikbegeisterte plus Orga-Team plus Speaker*innen plus – ich. Ich war für Digitale Provinz vor Ort: Im letzten Weekly hatte ich schon ein bisschen darüber berichtet. Heute gibt es die Extended Version.

Was die Konferenz so schillernd gemacht hat? Die Menschen hinter den Ständen, den Start-Ups, den Bits & Bytes. Sie standen im Fokus der Konferenz, die beweist: In Regionen wie Ostwestfalen steckt viel digitales Potenzial. So wie das Start-Up Spot AR. Im Gewimmel der Hinterland of Things-Konferenz habe ich CEO Dennis Wiosna getroffen. Spot AR sitzt in Soest und bietet digitale Stadtrundgänge für die Tourismusbranche an.

„Wir hatten vor drei Jahren die Idee zu unserem StartUp und bei uns im Kreis Soest gab es noch nicht so viele Anlaufstellen für Start-Ups“, erklärt Dennis. Und so sind sie dann in Ostwestfalen-Lippe gelandet. Und bei Hinterland of Things.

Dennis Wiosna sitzt an einem Tisch auf der Konferenz Hinterland of Things in Bielefeld.
Dennis Wiosna, CEO Spot AR. Foto: S. Klose

Hier lernen nicht nur die Kleinen von den Großen, sondern auch umgekehrt. „Die Global Player müssen sich jetzt auch drehen. Die Welt dreht sich schnell und die digitale Welt ganz besonders“, so Dennis. Global Player müssten schauen, wie sie sich weiterentwickeln und neue Technologien anwenden. Eine Möglichkeit: mit Start-Ups zusammenarbeiten.

Wie die Verbindung von traditionsreichem Global Player und Start-Up funktionieren kann, zeigt das Start-Up Kubikx, ein Venture Builder des Unternehmens Schmitz Cargobull. Zu Kubikx Portfolio gehört das Start-Up Dispatchy. „Wir sind eine Kollaborationsplattform für Transportlogistik und seit September ausgegründet“, erklärt Isabel Podlinski, Product Management. Dispatchy sei jetzt mitten in der Closed Beta Phase und das bedeutet: Investoren dringend gesucht.

Isabel Podlinski und Maggie Sackarend von KUBIKx.
Isabel Podlinski (l.) und Maggie Sackarend (r.) von KUBIKx. Foto: S. Klose

Für Isabel liegt der Vorteil von Konferenzen wie Hinterland of Things auf der Hand: „Wenn man die Leute zusammenbringt, zum Beispiel aus dem Tech-Bereich in Berlin, dann können sich richtig gute Synergien ergeben. Was will man in seinem Ökosystem in Berlin bleiben, wenn da gar keine Industrie ist?“ Das betont auch Maggie Sackarend, Marketing Lead bei Kubikx. „Ich glaube, hier in Bielefeld sitzt viel Industrie, die Potenzial mitbringt, auch neue digitale Geschäftsmodelle auf ihr eigenes Geschäft aufzubauen und sich zu vergrößern. Das ist super für die Region!“

Start-Up Power made in Hinterland

Die Synergien zwischen regional und global ziehen sich durch die komplette Hinterland of Things-Konferenz. Besonders spannend klang das letzte Panel Hinterland Update: Driven by trust, traction and tradition – How to navigate a family business through the digital age. Mit dabei: Dr. Reinhard Zinkann, Executive Director & Co-poprietor – Miele & Cie. KG, Sarna Röser, CEO – Röser FAM GmbH & Co. KG und Jan-Hendrik Goldbeck, Managing Partner, GOLDBECK GmbH. Moderiert wurde die Debatte von Astrid Maier, Editor-in-Chief bei Xing.

Die Debatte war interessant, kratzte jedoch eher an der pixeligen Oberfläche. 30 Minuten sind natürlich auch knapp bemessen, wenn es um die Zukunft von Germanys Big Playern geht. Dr. Reinhard Zinkann etwa sieht die mitunter Schwerfälligkeit von Traditionsunternehmen eher branchenabhängig. Miele sei gut aufgestellt, aber „ein Ostwestfale ist nie ganz zufrieden“, spielte er auf den Firmensitz in Gütersloh an. Sarna Röser nahm vor allem die Politik in der Verantwortung. „Viele Arbeiter sitzen auf dem Land und haben keinen ordentlichen Internetanschluss. Wir brauchen eine passende Infrastruktur“. Für Jan-Hendrik Goldbeck sind es die Berührungsängste mit Schnelligkeit bei deutschen Ingenieuren.

Moderatorin Astrid Maier, Dr. Reinhard Zinkann, Sarna Röser und Jan-Hendrik Goldbeck beim letzten Panel der Hinterland of Things 2020.
v.l.: Moderatorin Astrid Maier, Dr. Reinhard Zinkann, Sarna Röser und Jan-Hendrik Goldbeck beim letzten Panel der Hinterland of Things 2020. Foto: Benni Janzen

Das klingt alles einleuchtend. Schon in Schulen ansetzen, um Kinder an die digitalen Medien heranzuführen, wie Sarna Röser erklärt. Oder wie Jan-Hendrik Goldbeck im eigenen Unternehmen die Mitarbeitern nach dem Best Practice-Ansatz voneinander lernen lassen. Den eigenen digitalen Nachwuchs direkt selbst ausbilden, wie Miele es macht. Oder eine Konferenz in die ostwestfälische Provinz packen und zeigen, das angebliche Hinterland kann digital und mehr.

Aber es fehlt noch etwas bei den Großen – der digitale Wandel im Inneren. Die Bereitschaft, die Ü40-Stunden-Woche hinter sich zu lassen. Neue Modelle anzubieten, eine vier Tage-Woche, Homeoffice, digitale Meetings, you name it. In vielen Firmen wird es teilweise umgesetzt, das ließen die Big Player im Panel zumindest durchblicken. Aber der Großteil arbeitet nach strikt getakteten Arbeitszeiten. Besonders im Mittelstand. Das Flexible, Moderne, Nicht-Statische, das können die Großen von den Kleinen lernen. Und das sollten sie auch. Die Neuen Arbeitskräfte wollen weniger Diskrepanz zwischen Arbeit und Leben. Das betonte im Panel auch Jan-Hendrik Goldbeck. Dann sind auch die Ostwestfalen vielleicht irgendwann völlig zufrieden.

Autorin: Susanne Klose