v.l.: Ostbeauftragter Marco Wanderwitz, Journalistin Jana Hensel, Ökonomin Dalia Marin, Soziologe Axel Salheiser. Foto: Susanne Klose

Der Zughafen Kulturbahnhof in Erfurt ist ein kulturelles Kleinod. In den ehemaligen Hallen des Güterbahnhofs trifft Brauerei auf Kunstatelier auf Start-Up. Und am 26. Februar auf den neuen Ostbeauftragten Marco Wanderwitz. Er teilt sich das Podium mit Zeit-Journalistin Jana Hensel, Ökonomin Dalia Marin, Soziologe Axel Salheiser, Unternehmerin Mareike Rauchhaus von Nextbike und Melanie Stein von der Initiative Wir sind der Osten.

Das Projekt Wir sind der Osten will mit der Gesprächsreihe The Future is East die Möglichkeiten einer ostdeutschen Zukunft ausloten. Wir sind der Osten gibt der ostdeutschen Perspektive digitalen Raum. Auf der Website teilen Ostdeutsche ihre Erfahrungen und was die ostdeutsche Identität für sie bedeutet. Das Projekt will Klischees aufbrechen und das Selbstbewusstsein einer Region stärken, über die in den letzten Jahren häufig nur in Zusammenhang mit Rechtsradikalismus berichtet wurde. Ein digitales Empowerment, das in Erfurt den Sprung offline gewagt hat.

Das große Thema des Abends: Warum sind nach 30 Jahren Wiedervereinigung die Unterschiede zwischen Ost und West noch so prägnant? Nicht unbedingt, was die eigenen Werte anbelangt, wie Moderatorin und Gründerin von Wir sind der Osten, Melanie Stein, betont. Aber: Die Zahlen zu Wachstum und Wirtschaft sind eindeutig. Eine gläserne Mauer zieht sich weiterhin durch Deutschland.

Was also tun? Gespannt schauen alle auf den neuen Ostbeauftragten der Bundesregierung, Marco Wanderwitz. „Ich hätte gedacht, dass wir im Jahr 30 weiter sind, aber Prozesse dauern eben und es ist schon so, dass wir gewisse Probleme haben“, so Wanderwitz. Zwar gebe es auch in den alten Bundesländern strukturschwächere Regionen, aber Ostdeutschland sei flächendeckend strukturschwächer, mit Inseln der Stärke“.

v.l.: Moderatorin Melanie Stein, Soziologe Axel Salheiser und Unternehmerin Mareike Rauchhaus. Foto: Susanne Klose

Um die ostdeutsche Zukunft wirtschaftlich nachhaltig zu gestalten, braucht es den Blick in die Vergangenheit. Die Ökonomin Dalia Marin findet klare Worte: „Die wirtschaftliche Annäherung hat vor 25 Jahren aufgehört.“ Seit Mitte der 90er habe es nur eine leichte Anpassung gegeben, weil das Pro-Kopf-Einkommen durch Abwanderung gestiegen sei und die Löhne im öffentlichen Sektor angehoben wurden. Ihre Lösung: die gezielte Anwerbung und Ansiedlung von Großunternehmen in ostdeutschen Regionen.

Ähnlich kritisch schätzt Soziologe Axel Salheiser die Situation ein. Die neuen Bundesländer seien die verlängerte Werkbank für Westdeutschland gewesen.

Westdeutsche Unternehmen und ausländische Investoren haben hier ein Billiglohnland mit deutscher Facharbeiterqualifikation und mit deutscher Facharbeiterkultur praktisch geschenkt bekommen.“

Soziologe und Rechtsextremismusforscher Axel Salheiser, IDZ Jena

Gleichzeitig beobachtet der Soziologe auch einen Wandel in den Führungsetagen ostdeutscher Unternehmen. Untersuchungen hätten gezeigt, dass in kleinen und mittelständischen Unternehmen auch Ostdeutsche in der Führungsetage sitzen. Die viel beschworene Unterrepräsentanz Ostdeutscher im Elitenbereich müsse also differenzierter betrachtet werden.

Ostbeauftragter Marco Wanderwitz und Zeit-Journalistin Jana Hensel. Foto: Susanne Klose

Zeit-Redakteurin Jana Hensel sieht hier dringend Nachholbedarf. In den Führungsriegen großer Unternehmen, in politischen Spitzenpositionen, dort müssen Ostdeutsche vertreten sein. Dass aus Richtung Westen immer das Alibi-Argument der ostdeutschen Kanzlerin komme, habe den Diskurs immer weiter verschleppt. „Herr Wanderwitz ist einer von drei Staatssektretären. Wir haben aktuell 35 in der Bundesregierung“, so die Kulturjournalistin des Jahres 2019. Dem neuen Ostbeauftragten legte sie direkt ein ganzes Ostministerium ans Herz.

Die Journalistin setzt auf eine gesetzliche Lösung mit einer Ostquote. Marco Wanderwitz bleibt skeptisch. Besonders die Frage nach einer Definition sei schwierig. Wer gilt ab wann als ostdeutsch? Ähnlich sieht das auch Mareike Rauchhaus von nextbike. Ihr Unternehmen beschäftige Menschen aus ganz Europa. „Niemand interessiert sich dafür, wer aus Ost- oder Westdeutschland stammt“, so die gebürtige Erfurterin. Die Frage nach der ostdeutschen Identität ist vielleicht auch eine Generationenfrage.

Trotzdem bietet die ostdeutsche Perspektive mit ihren Brüchen und Umbrüchen ein besonderes Potenzial. Das weiß auch Melanie Stein, die Initiatorin von Wir sind der Osten.

Wir lesen in den Biografien auf unserer Website häufig Sätze wie „Veränderungen können mich nicht erschüttern“.

Melanie Stein, Initiatorin von Wir sind der Osten, gegenüber Digitale Provinz

Diese besondere Transformationskompetenz wurde bereits von Wissenschaftlern beschrieben, so Melanie Stein. Hier müsse verstärkt geforscht werden. Veränderungen schneller annehmen ist in Zeiten von wachsender Digitalisierung und dem Internet of Things eine wertvolle Ressource. Dafür müssen jedoch auch die Rahmenbedingungen stimmen.

Hier hat Deutschland massiven Nachholbedarf. Die Geschwindigkeit der deutschen Internetanschlüsse hat sich laut einer Studie in den letzten drei Jahren zwar insgesamt verdoppelt, schreibt der Spiegel. Dennoch zeigt sich das Ost-West-Gefälle auch hier. Selbst in den Städten ist das Internet um mehr als 40 Prozent langsamer als bei den Spitzenreitern im Südwesten. Noch schlechter sieht es auf dem ostdeutschen Land aus.

Während in der Stadt 97,4 Prozent der Haushalte auf mindestens eine 30-MBit-Leitung zugreifen könnten, seien es auf dem Land nur 75,1 Prozent. Das geht aus einer Anfrage des Spiegels an die Bundesregierung hervor. Das Ziel der Regierung sei es, Glasfaser in jeder Region und jeder Gemeinde möglichst direkt bis zum Haus zu legen, so ein Sprecher des Verkehrsministeriums gegenüber dem Spiegel. Wie realistisch diese Umsetzung bis zum anvisierten Jahr 2025 tatsächlich ist, bleibt fraglich.

Digitalisierung kann Dorfleben aufwerten

Dabei ist die Verfügbarkeit von schnellem Internet ein Muss, Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier forderte erst vor wenigen Monaten, dass der Zugang zum Internet ein Menschenrecht sein müsse. Davon sind wir aktuell noch weit entfernt, besonders in Ostdeutschland. Laut D21-Index ist Ostdeutschland nach wie vor Schlusslicht, wenn es um die digitale Nutzung geht, ausgenommen von der Metropole Berlin. Einzig Sachsen konnte im Gegensatz zu den Vorjahren einige Punkte dazu gewinnen. Heise Online sieht hier einen Zusammenhang zwischen der Abwanderung junger internetaffiner Personen und der niedrigeren Internetnutzung.

Und wer junge Menschen vom Landleben überzeugen will, muss das Leben dort attraktiv gestalten. Für die Generation X bis Z gehört die Verfügbarkeit von Internet und moderner Infrastruktur dazu. „Ich würde mir wünschen, dass die digitalen Infrastrukturen aus Metropolen wie Hamburg oder Berlin noch weiter ins Ländliche sprießen“, so Melanie Stein. Sie selbst könne sich eine Rückkehr in ländliche Regionen gut vorstellen, wenn es die geeignete Infrastruktur und entsprechende Co-Working-Spaces dort gebe.

Digitalisierung als Instrument für Teilhabe

Ostdeutschland und Digitalisierung: Beziehungsstatus kompliziert. Was braucht es, um eine Region aufzuwerten? Die Antwort steckt nicht nur in Fördergeldern und Breitbandausbau, sondern auch im Umgang mit den Menschen. Initiativen wie Wir sind der Osten eröffnen einen Raum für die Menschen, deren Perspektive lange unbeachtet blieb und deren Erfahrungen abgewertet wurden. Eine Ostquote mag radikal klingen. Wer aber strukturell ausgeschlossen wurde, findet häufig nur über gesetzliche Maßnahmen Zugang zu bestimmten Sphären. Digitale Sichtbarkeit gehört zwingend dazu.