Freitag, Weekly-Tag! Es ist mal wieder soweit – unser neues Weekly ist da! Diese Woche habe ich, Susanne, wieder das heißeste an News und Neuigkeiten aus der digitalen Welt für dich herausgesucht. Wir starten diesmal ins Wochenende mit:

Gentrifizierung statt Kleinstadtidylle?

Der Stadtflucht der Kreativen hängt nicht erst seit dem mindesten kritikwürdigen Epilog auf das Landleben von Charlotte Roche eine gewisse Romantisierung nach. Die gelungene taz-Entzauberung folgte schnell. Na klar bringen kreative hippe Großstädter ein gewisses Flair mit in die Kleinstädte und Dörfer. Dabei müssen wir uns auch fragen: Was macht das eigentlich mit der Kleinstadt, wenn plötzlich die Kreativen nicht mehr in Berlin sondern im Berliner Umland ansiedeln? Das fragt die Zeitung Oxi. Die aktuelle Ausgabe (Paywall) widmet sich komplett dem Thema Dorf.

Was sich bereits jetzt in Kleinstädten wie Stendal (ja, DAS Stendal in Sachsen-Anhalt) abzeichnet, ist eine fortschreitende Gentrifizierung. Das schreibt Autor Roman Grabolle in seinem Artikel Hipsturbia im Hohen Fläming? Er ist Vorstandsmitglied des Haus- und WagenRat e.V. und aktiv im Netzwerk Leipzig – Stadt für alle.

Der Zuzug in die Suburbia und verkehrstechnisch gut angeschlossene Mittel- und Kleinstädte ist Teil der Verstädterung und Urbanisierung und eben gerade nicht ihr Gegenteil, eine Gegenbewegung zurück in das Dorf. 

Roman Grabolle, Oxi, 10.04.2020

Worum geht’s: Landflucht ist vielleicht Ausdruck einer Sehnsucht nach dem Land. Vor allem aber ist die Landflucht hipper Städter auch eine Ausweitung der Stadt, findet Grabolle. Etliche Modellprojekte an der Schnittstelle von Dorf und Urban befinden sich laut Autor in den Speckgürteln der Metropolen. Und den Trend habe auch der Immobilienmarkt mitbekommen. Ein Beispiel dafür sei Stendal in der Altmark in Sachsen-Anhalt. Die Stadt mit etwa 40.000 Einwohnern gelte als neuer Vorort von Berlin. Und das bringe mitunter nicht nur hippe Cafés sondern auch Gentrifizierung mit sich. Außerdem sei die Großstadtflucht nur mit einem bestimmten Maß an Privilegien möglich. People of Colour (PoC) oder Menschen mit Lebensentwürfen abseits von Vater, Mutter, Kind verirrten sich nur selten in Kleinstädte, in denen Netzwerke für sie erst einmal selbst aufgebaut werden müssen. All dies müsse auch in der Debatte um Großstadtflucht thematisiert werden, die häufig nur die positiven Seiten beleuchte.

Die dunkle Seite der Großstadtflucht

Sein Anliegen: Aus den bisherigen negativen Entwicklungen wie Gentrifizierung lernen und sowohl Politik als auch Einwohner*innen an einen Tisch bringen: „Wie können stadt- und wohnungspolitische Erfahrungen übertragen, die alten Fehler vermieden und wirksame Steuerungs- und Fördermöglichkeiten für die Veränderungen in den neuen In-Vierteln und »cool-kid towns« im Umland entwickelt werden?“

Ja, aber: Die Kritikpunkte von Roman Grabolle sind alle wichtig und richtig. Dennoch wird nicht jede Kleinstadt direkt zum neuen coolen Kiez, weil sich ein hippes Wohnprojekt ansiedelt. Das thematisiert der Autor auch selbst. Stendal ist nicht Neukölln. Stendal ist aber auch kein Dorf. Auch das ist ein wichtiger Punkt, finde ich. Es macht schon einen großen Unterschied, ob sich hippe Städter*innen auf das 300-Seelen-Dorf besinnen oder auf die Speckgürtel-Kleinstadt mit mehreren tausend Einwohner*innen. Ersteres passiert nur in den seltensten Fällen. Das Leben in einer guten digitalen Provinz bedeutet für mich auch Rücksichtnahme, auf allen Seiten. Dafür braucht es eine soziale Stadtplanung, in der ein Stadtkern nicht nur voll von hochpreisigen mehr oder weniger Luxusimmobilien ist, sondern auch Platz für die bietet, die seit Jahren dort leben. Das ist definitiv eine Sache der Politik.

Die komplette Oxi-Ausgabe gibt es für 3,49 Euro hier und beleuchtet das Thema Dorf mal aus einer anderen Perspektive. Absolute Leseempfehlung!

Warum zieht es die Städter*innen ins Dorf?

Ja, warum eigentlich? Mit diesem Thema beschäftigt sich die aktuelle Ausgabe des Online-Magazin Neue Narrative. Dafür haben die Autor*innen den Hof Prädikow in Brandenburg besucht. Das Projekt wird von einer Grupper Berliner*innen seit vier Jahren betrieben – „digitales Landleben“ nennt es die digitale Hofgemeinschaft aus 70 Menschen, die dort leben und arbeiten wollen.

Dank Home Office und Breitbandausbau kann sich das akademisiertes Milieu von digitalen Projektmanager*innen und Kreativwirtschaftler*innen aus der Stadt das Leben auf dem Land wieder vorstellen.“

Warum es immer mehr Kreative aufs Land zieht, Neue Narrative

Worum geht’s: Die Gemeinschaft will den alten Hof sanieren. Dabei zeigt sich auch: Der Stadtblick auf das Land hat nur bedingt etwas mit der Realität zu tun. Das Dorf hat keine Kita, kein Restaurant, keine Einkaufsmöglichkeit. Auch die Sanierung des Hofs stellte sich schwieriger vor als gedacht, so die Bewohner*innen gegenüber Neue Narrative.

Glokalisierung und Freiräume

Forscherin Eleonore Hamel beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen der Städter*innen, die das Land suchen. Für sie steht fest: „Das Land gibt es nicht, und der Gegensatz zwischen Land und Stadt entspricht oft mehr einem Großstadtblick als der Realität“, so fasst es Neue Narrative zusammen. Die Zukunftsforschung nennt das Phänomen Glokalisierung. Landleben verspricht Halt in einer sich immer schneller drehenden Welt.

Das Land (dient) als Imaginationsraum für müde Städter*innen, die sich nach Ruhe, Entspannung und Bachplätschern sehnen. Was manche dabei vergessen: Es wohnten bereits Menschen hier, bevor sie sich ihr Fleckchen im Grünen auserkoren haben. „

Warum es immer mehr Kreative aufs Land zieht, Neue Narrative

Aber: Es gibt ja bereits Menschen in diesen Dörfern. Und die können nicht immer etwas mit den hippen Projekten anfangen. Hier heißt es immer wieder aushandeln, Rücksicht nehmen, auch Grenzen respektieren. Wie das geht, zeigt das Gut Stolzenhagen. Das lest ihr im Beitrag hier.

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Du bist ein echtes Stadtkind und willst dahin, wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht jagen? Und hast vielleicht eine Idee für ein Projekt? Erzähl uns davon!

Schreib uns gerne eine Mail: digitaleprovinz@korrekturnachoben.de

Corona-sichere Fahrradwege für alle

1,50 Meter – das ist nicht nur der empfohlene Mindestabstand um eine Corona-Infektion zu verhindern. Das ist auch der Mindestabstand, wenn ein Auto eine*n Fahrradfahrer*in überholen will. Beides wird oft nicht eingehalten. Zum einen weil manche Menschen einfach unvorsichtig sind, zum anderen weil der Platz auf den Rad- und Fußgänger*innenwegen nicht ausreicht, um einen Abstand von 1,50 Meter einzuhalten. Eine Petition will das jetzt ändern. Das schreibt RBB.

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Worum geht’s: Der Verein Changing Cities hat die Petition Faire Straßen gestartet. In einem Interview mit dem RGG fasst Ragnhild Sørensen vom Verein Changing Cities das Anliegen als „ansteckungsfreie Mobilität“ zusammen. Der Verein hat auch einen offenen Brief an Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer geschrieben. Darin bitten sie Scheuer, einen rechtlichen Rahmen für die provisorische Umsetzung dieser verbesserten Wege zu schaffen.

Konkrete Forderungen

Gehwege temporär verbreitern: Wo Fußwege zu schmal sind, sollten sie durch
Abmarkierungen auf den Fahrbahnen erweitert werden. Auch das Verlegen von
Hochbordradwegen und Parkplätzen von den Fußwegen auf die Fahrbahnen hilft schnell
und einfach, um Fußwege zu verbreitern.


Verlegung von Radverkehr auf die Fahrbahn: Wo Radverkehr derzeit über Gehwege
geführt wird, kann er auf die Fahrbahn verlegt werden, damit Platz auf Fußwegen
geschaffen wird. Dazu eignen sich sowohl temporäre Radstreifen als auch die Einrichtung
von temporären Fahrradstraßen.


Temporäre Radfahrstreifen auf der Fahrbahn: Breite und gut erkennbare temporäre
Radstreifen (Pop Up Bike Lanes) helfen auch Neu-Radfahrenden, sichere Wege durch die
Stadt zu finden.


Straßen für den Rad- und Fußverkehr öffnen: Die Umwandlung ausgewählter Straßen
in Zonen ohne Autoverkehr bzw. mit stark reduziertem motorisierten Verkehr schafft
zusätzlichen Platz und Verkehrssicherheit.


Temporäre verkehrsberuhigte Straßen: Maßnahmen wie der Einsatz modaler Filter
oder Verengungen der Fahrbahn können kurzfristig Wirkung zeigen. So können sich
Radverkehr und zu Fuß gehende Menschen bestmöglich auf der Straße verteilen und
Bewegung vor der Tür in ausreichendem Abstand zu anderen Menschen wird möglich.
Provisorische Verkehrsberuhigung hilft auch bei der Entlastung von Parks und zur
Ermöglichung von Bewegung ohne Ansteckungsgefahr.


„Bettelampeln“ umprogrammieren: Durch eine Vorrangschaltung für Rad- und
Fußverkehr wird das Berühren des Ampelknopfes sowie das Bilden von Gruppen, die auf
Grün warten, vermieden.


Grünphasen für nicht-motorisierten Verkehr verlängern: Da aktuell deutlich mehr
Menschen auf Fahrrädern und zu Fuß unterwegs sind, braucht es für sichere
Kreuzungssituationen mehr Zeit in den Grünphasen. Kurze Grünphasen sind
kontraproduktiv, da viele Menschen sich eng zusammendrängen müssen, um die Straße
rechtzeitig überqueren zu können.


Temporäre Geschwindigkeitsreduktion: Korridore mit Tempo 30 reduzieren die
Unfallgefahr und bewirken dadurch auch Entlastung von Krankenhäusern.


Märkten unter freiem Himmel mehr Platz geben: Wochenmärkte sollten auf
angrenzende Flächen wie Straßen oder Parkplätze erweitert werden, um genügend Raum
für Warteschlangen mit Abstand zu schaffen.

(Quelle: https://changing-cities.org/wp-content/uploads/2020/04/20200414-Offener-Brief.pdf)

Die schnelle Verbreiterung ist übrigens mit sogenannten Pop-Up-Radwegen möglich. Dabei wird ein Teil der Fahrbahn mit Verkehrshütchen oder anderen Dingen für Radfahrer*innen abgeteilt.

Die Petition findet ihr hier, das ganze Interview hier.

CoLab: Call for Papers!

Corona verändert alles. Das Zusammenleben, die Arbeit, Beziehungen, eben einfach alles. Dies will das CoLab sichtbar machen und Debatten über eine Zukunft nach Corona anstoßen.

Call for Papers: Das CoLab reagiert auf diesen Wandel mit einem Call for Papers beziehungsweise einer Blogparade zum Thema „Was kommt nach Corona“? Das bedeutet: Schreibt und schickt eure Blogbeiträge zum Thema Corona an das CoLab! Die ersten Beiträge wurden bereits veröffentlicht. Mehr Infos dazu findet ihr hier.

Das CoLab: „Ein Multistakeholder-Thinktank für Gesellschaft und Digitalisierung“ – so definiert sich das CoLab laut Homepage selbst. Der Think Tank arbeitet mit dem Fraunhofer Institut, der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement (KGSt) und dem Innovators Club zusammen. Dabei konzentriert sich das CoLab immer wieder auf bestimmte Themen, aktuell etwa auf Künstliche Intelligenz mit der Initiative „#KOKI – Künstliche Intelligenz in Kommunen“.

Die ersten Beiträge wurden bereits veröffentlicht. Mehr Infos dazu findet ihr hier.

Videkonferenz made easy in Bühl/BaWü

Zoom-Parties, Hangout… Hangouts – Videokonferenzen sind gerade ein einfacher Weg, Kontakt mit friends und family zu halten. In einigen Fällen scheint das jedoch zu kompliziert für Gelegenheits-User*innen, die manchmal an der Installation der Software scheitern. Die Stadt Bühl hat das jetzt aufgegriffen und das Projekt Palim Palim (Dieter Hallervorden says hi!) gestartet. Das schreibt das Magazin Kommunal.

Worum geht’s: Das Projekt Palim Palim will den analogen Einkaufsplausch digital machen. Das erklärt Bühls Oberbürgermeister Hubert Schnurr gegenüber Kommunal. Dafür gehen die Bürger*innen über ihren Browser per Smartphone oder PC einfach auf die Seite der Stadt Bühl und von dort aus lassen sich ganz einfach Videokonferenzen starten, ganz niedrigschwellig ohne irgendeine Installation oder Email-Einladung. Die Bürger*innen klicken auf den Button und öffnen so einen digitalen Konferenzraum, in den sich dann andere mit einwählen.

Hintergrund: Die 30.000 Einwohner*innen Stadt Bühl wollte mit dieser Idee eigentlich die Arbeit der Vereine unterstützen. In vielen ländlichen Regionen sind die Mitglieder lokaler Gruppen und Vereine nicht unbedingt digital natives. Und so entstand das Projekt Palim Palim. Über diese datenschutzrechtlich sicheren Konferenzen kann die regionale VHS sogar Sprachkurse abhalten.

Und ja, natürlich hier noch ein Ausschnitt aus Palim Palim

Weitere Beispiele für die Nutzung digitaler Tools in Zeiten von Kontaktverboten, darunter auch digitale Ratssitzungen und die rechtlichen Schwierigkeiten, findet ihr im Kommunal-Artikel hier.

Podcast: Soziale Arbeit & Digitalisierung

Es ist mal wieder soweit: Unsere neue Podcast-Folge ist online! Diesmal habe ich mit Martin Gneist und Michael Behr vom Kinder- und Jugendring Sachsen-Anhalt gesprochen. Sie arbeiten dort im Bereich Jugendarbeit. Wie das jetzt mit Zoom funktioniert und warum Digitalisierung auch für die Jugendarbeit wichtig ist? Hört mal rein!

Tschüss & bis bald!

Das war’s diese Woche mit dem Weekly! Ich hoffe, du bleibst und bist gesund. Als kleines Tool zum digitalen Kritzeln und Krackeln oder ziemlich cooler Darstellung von Sachverhalten habe ich für dich noch das t3n-Fundstück Excalidraw! BÄM!

Mit diesem Tool erstellst du Diagramme, die wie selbst gezeichnet aussehen. Das Spektrum an Formen ist limitiert, sieht aber trotzdem ziemlich gut aus. Einfach auf den Link klicken und loslegen!