Whoop, 30 über Nacht! Das hält uns aber nicht davon ab, mit ordentlich digitalem Schwung ins Wochenende zu starten. Vorher gibt es aber noch das Neueste vom Neuen in diesem Internetz von mir, Susanne, für euch. Mit dabei:

Virtuelle Afterhour mit Digitale Provinz & den Internet-Allstars: Das war der Digitaltag 2020!

Und auf einmal waren wir dann auch schon 24 Minuten drüber: Wir von Digitale Provinz hatten für den ersten bundesweiten Digitaltag zur virtuellen Afterhour geladen. Und was soll ich sagen: Ich glaube, die Digitalen Provinzler*innen Daniel Krüger und Anne Wihan hätten auch noch bis tief in die Nacht quatschen können mit Katja Diehl, Ute Schulze, Katja Bröckl-Bergner, Daniel Domscheit-Berg vom Verstehbahnhof, Helmut Ramsauer von Silicon Vilstal und Frederik Fischer.

Thematisch war so ziemlich alles dabei: New Mobility, Degrowth, Online vs. Offline — und natürlich der Digitaltag. Der war einigen gar nicht bekannt, andere zelebrieren ihn jeden Tag, wie Aktivist Daniel Domscheit-Berg vom Verstehbahnhof sagt. Aber: „Wenn es den Tag braucht, dann heißt das ja eher, dass noch nicht angekommen ist, wie präsent und wichtig das Thema Digitalisierung insgesamt ist.“ Das sei vor allem auch eine Frage der Teilhabe, wie Social Media Profi Ute Schulze einwarf: Wir sprechen immer über Inklusion und Teilhabe und scheitern immer daran sie umzusetzen. Für Ute Schulze, die #SocialMediaGedönsTante, gibt es die Diskrepanz zwischen online und offline nicht mehr. Beides vereine die Verbundenheit mit anderen Menschen.

Daran knüpft auch Katja Bröckl-Bergner an. Die Medientrainerin will älteren Menschen die Hürden nehmen, wenn es um Digitalisierung geht. Aber: Für viele Senior*innen sei die Welt nach wie vor in digital und analog aufgeteilt. „Das Tablet ist kein Teil von ihnen, das ist Mehrarbeit, das ist anstrengend, das ist Arbeit.“ Für sie ist klar: Dagegen helfen Projekte, die mit Kindern und Senior*innen zusammen durchgeführt werden. Dabei merken die Senior*innen, wie wichtig Digitalisierung ist. Trotzdem sei die Unterscheidung zwischen Digitalem und Realem häufig fest verankert.

Weiße, akademische Bubble nimmt nicht alle mit

Das Problem: Wir nehmen die Leute nicht mit“, meint Katja Diehl. Stattdessen sei die digitale Bubble vor allem akademisch, weiß, elitär. Wir bleiben im eigenen Saft“, findet die Podcasterin und Aktivistin. Dazu komme auch die häufig geschürte Angst vor Digitalisierung, wenn es um den Wegfall von Arbeitsplätzen gehe. Digitalisierung sei keine Bedrohung, sondern eröffne Chancen. Dafür sei es wichtig, die Hemmschwelle, die die Digital Bubble selbst aufgebaut habe, eben abzubauen.

Wie das ganz praktisch klappen kann, zeigen die Projekte von Frederik Fischer. Er ist der kreative Kopf hinter dem Summer of Pioneers — ein Projekt für digitale Kreative mit Probewohnen und Coworking in Wittenberge — und dem KoDorf, die Planung eines eigenen Quartiers für Kreative in Wiesenburg. „Was wir machen ist eine soziale Innovation, es geht um Lebensqualität.“ Beide Projekte wollen zeigen: Es geht eben nicht unbedingt um Digitalisierung, es geht um den Unterschied vor Ort. In Wittenberge hatte der Kulturort die größte Wirkung, da haben ganz niedrigschwellige Angebote stattgefunden, unter anderem das Erzählcafé und das Repaircafé.“

Digitalisierung als Praxis

Diese praktische Digitalisierung unterstützt auch Helmut Ramsauer, der Gründer der Mitmachinitiative Silicon Vilstal. Wir versuchen, die Digitalisierung nicht technisch zu verstehen, sondern im Grunde zu betonen, was man damit machen kann.“ Sein Vorschlag: Weg vom Digitaltag, hin zum Macher*innentag. Wir sollten eher den Fokus auf das legen, was man mit Digitalisierung machen kann.“ Und was man auf jeden Fall im Verstehbahnhof damit macht: Dinge vor Ort ändern und gemeinwohlorientierte Infrastruktur aufbauen, wie Daniel Domscheit-Berg erklärt. Zu oft sei Digitalisierung ein Abfallprodukt der Wirtschaft. „Sattdessen sollten wir uns als Gesellschaft fragen, welche Grundlagen wir legen müssen, damit wir alle davon profitieren. Abseits vom Geldverdienen.“ Digitalisierung müsse erfahrbar sein, nur so können die Leute sich vorstellen, welche Probleme sie lösen könnte.

Wie das aussehen kann? Wie eine Corona-Warn-App, die gratis zugänglich ist und datenschutzrechtlich zumindest tragbar. Aber: Auch hier zeigen sich Ungleichheiten. Die App schließe ältere Menschen aus, warnt Katja Bröckl-Bergner. Wer kein Smartphone besitzt, kann die App nicht nutzen. Das gilt auch für ältere Smartphones. Dafür soll es jetzt eine Lösung geben: Schlüsselanhänger für die Smartphone-losen. Darüber schreibe ich übrigens weiter unten im Weekly.

Die Diskussion hätte noch weiter gehen können — und das tut sie auch, Stichwort New Mobility und Degrowth. Hört einfach mal rein, auf Twitter, auf YouTube, auf unserem Blog und auf Spotify. Wir haben das Event nämlich für euch als Podcast aufbereitet! WHOOP!

Und was noch so los war

Ich habe mich am Digitaltag noch ein wenig bei den anderen Veranstalter*innen umgesehen. Was ich besonders empfehlen kann: das Online-Game Get Bad News. Wohl hauptsächlich für Jugendliche konzipiert, kann ich das Spiel JEDER PERSON ans <3 legen. Schickt es euren Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen auf dem ländlichsten aller ländlichen Räume, die gerne mal auf Facebook 5G-Chemtrail-Alu-Postings teilen. Natürlich geht das eine nicht mit dem anderen immer Hand in Hand, es ist ein böser Scherz, bitte gehen Sie weiter und sagen Sie Horst Seehofer nichts.

Worum geht’s: Das Spiel funktioniert über Frage & Antwort. Dabei hat die spielende Person immer die Wahl zwischen Buttons à la ich will doch nur spielen und lord of the trolls. Schritt für Schritt wird der*die Spieler*in so zum Evil Internet Master.

Das bedeutet aber auch: Selbst wenn die Person mit guten Intentionen ins Spiel gestartet ist, motiviert das Game dazu, doch einfach mal emotional die Menschen aufzustacheln. Und zack — wird mensch zur Meisterin der Manipulation. Huch.

Corona-Warn-App: Was machen die Smartphone-losen?

Ich habe es oben im Artikel schon kurz erwähnt und im letzten Weekly #29 ebenfalls: Corona-Warn-App yay, aber es braucht dafür moderne Smartphones. Das hat nun mal nicht jede*r. In anderen Ländern gibt es dafür schon eine Idee: den Corona-Warn-Schlüsselanhänger. Das schreibt Sebastian Christ für Tagesspiegel Background (Paywall).

Worum geht’s: 85 Prozent der Smartphones unterstützen die Corona-Warn-App. Was machen aber die mit den anderen 15 Prozent? In Singapur hatte mensch da eine Idee: einen Transponder. Der TraceTogether Token nutzt wie die App Bluetooth-Signale und findet damit andere Transponder in der Nähe. Datenschützer*innen aufgepasst: Das Gerät hat weder GPS noch Internetzugang. Wer sich infiziert hat und positiv getestet wurde, müsse das Gerät ans Gesundheitsministerium übergeben zwecks Kontaktverfolgung. Laut Christ beginne die Auslieferung der ersten Geräte in der zweiten Juni-Hälfte.

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Singapur ist ja nicht unbedingt nah, aber auch unsere Nachbar*innen next door tüfteln an einer Alternative. In Österreich hatte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖPV) ähnliche Pläne in einem Interview mit der Tageszeitung Der Standard angekündigt. Die österreichische Corona-Tracing-App ist schon im März an den Start gegangen. Bislang keine Spur von den Tracing-Geräten. Das Problem: Weder Konzept noch Finanzierung seien ausgereift, erklärt ein Sprecher des Österreichischen Roten Kreuzes gegenüber dem Tagesspiegel. Die Organisation ist in die App-Entwicklung involviert. An anderer Stelle hieß es, das Projekt werde jedoch weiter verfolgt.

Tracing-Gerät statt App

Was kommt nun: Ungewiss. Fest steht nur: Einige Politiker*innen finden die Idee einer alternativen Technologie gut, etwa Jens Zimmermann, der digitalpolitische Sprecher der SPD. Gleichzeitig seien App-fähige Smartphones schon für 99 Euro zu haben. Dies sagte der Politiker laut Tagesspiegel Background mit Blick auf die Kritik von Patrick Larscheid, dem Leiter des Gesundheitsamtes von Berlin-Reinickendorf. Dieser hatte moniert, dass die App „ein Spielzeug für die digitale Oberschicht sei“. Bei manchen Modellen, wie etwa dem iPhone 6, sei das Betriebssystem das Problem, so Zimmermann. Da sei nachrüsten noch möglich. Ähnlich sieht das auch Klaus Müller, Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen.

„Tatsächlich aber scheinen vor allem Besitzer*innen teurerer Apple-Mobiltelefone die Corona-Warn-App zu nutzen.“

Quelle: https://background.tagesspiegel.de/digitalisierung/corona-app-bald-auch-als-schluesselanhaenger, 23.06.2020

Ja, aber: 99 Euro können viel viel viel Geld sein, für Menschen, die nicht viel davon haben. Nicht jede*r kann extra für eine App ein Smartphone kaufen. Und nicht jede*r weiß, wie man mit einem Smartphone umgeht. Viele ältere Menschen haben eins, aber noch mehr haben keins. Deshalb sind — gerade mit Blick auf die Risikogruppe ältere Menschen — andere Technologie-Formen dringend notwendig. Natürlich ist die App wichtig, das steht auch nicht zur Debatte. Aber eine App, die nicht für alle funktioniert, verschiebt das Problem. Und das löst sich nicht durch Kaufempfehlungen.

Blip blup blip: Ein Roboter namens Farmdroid

Wer glaubt, dass Bio vor allem viel mit dem Handwerk von besonnenen Bäuer*innen mit wissendem Lächeln bedeutet — hat Recht. Aber eben nicht nur. Es gibt Landmaschinen, die Landwirt*innen so einiges an Arbeit abnehmen können, ohne jedoch das zarte Biogemüse zu zerfetzen. Ich hatte bereits in Weekly #12 über Dino von Naïo Technologies geschrieben, jetzt kommt der FD20 von Farmdroid! Über die Maschine schreibt Heise mit Bezug auf dpa.

Worum geht’s: FD20 ist ein Roboter der dänischen Firma Farmdroid. Er ist knapp vier Meter breit, 1,20m hoch, autark und solarbetrieben. BÄM! Die Journalisten Elmar Stephan und Peer Körner haben den Hofbesitzer Reiner Bohnhorst besucht, um sich Alfons — so der Hof-Name des Roboters — mal genauer anzugucken. Und Alfons kann so einiges, wie sein Betreuer Sven Dittmer erklärt. Er ist als Landwirt auf dem Hof angestellt.

Autonom säen und Unkraut jäten

Was Alfons kann: Rüben legen, erklärt Sven Dittmer. Das heißt, Alfons sät die Zuckerrüben aus. Auch weitere Gemüsesorten sind kein Problem. Grundsätzlich ist das Säen von Rüben ziemlich viel Handarbeit, so Hofbesitzer Reiner Bohnhorst. Und die kostet. Um den Hof rentabel zu halten, ist das aber auch der Posten, bei dem gespart werden muss. Auftritt Alfons.

„Am Ende muss er mehr als die Hälfte der Handarbeit allein schaffen“, hofft Bohnhorst. „Das ist genau das Quäntchen, das über Wirtschaftlichkeit oder Unwirtschaftlichkeit entscheidet.“

Quelle: https://www.heise.de/news/Farmdroid-Der-Roboter-auf-dem-Biohof-4790597.html

Außerdem jätet Alfons Unkraut, was gerade in der Biolandwirtschaft wichtig ist, da Unkrautvernichter verboten sind — thank god oder wem auch immer. Dabei ist Alfons nicht so schwer wie ein Traktor, verdichtet also den Boden nicht, wie Sven Dittmer sagt. Die Maschine bewegt sich etwa 750 Meter pro Stunde, beinah das gesetzliche Maximum, das diese Geräte ohne gesetzliche Aufsicht erreichen dürfen. Die Steuerung läuft per GPS und Satellit. Kostenpunkt: etwa 75.000 Euro. Dafür erhält der Landwirt eine Maschine, die sich merkt, wo sie jedes einzelne Saatkorn abgelegt hat, um später zu wissen, wo denn das Unkraut gejätet werden darf. Ein paar Schwierigkeiten gibt es mit Alfons noch. Bei der Aussaat müsste das Saatkorn fester in die Erde gedrückt werden. Außerdem hat er neulich die jungen Rüben weggehackt“, sagt Dittmer den Journalisten. Wenn er Probleme hat, schreibt er eine SMS.“

Alfons, wenn er Unkraut sieht

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Ja, aber: Die Steuerung von Alfons via GPS ist auch ein Knackpunkt. Dafür wird ein stabiles Mobilfunknetz für die Übertragung der Daten benötigt. Das ist gerade in ländlichen Räumen mehr Flickenteppich denn Netz. Das weiß auch Harm Drücker von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in Oldenburg. Hier wolle der Bund nachlegen in den nächsten Jahren, Stichwort 5G. Ein weiterer Knackpunkt ist der Zeitfaktor. Wer mehrere 100 Hektar Land besitzt, braucht dafür entweder Engelsgeduld oder einen Schwarm Roboter. Trotzdem ein tolles Konzept, das zeigt: Ländliche Räume können stark von Digitalisierung profitieren.

Einen ausführlichen Bericht zu Alfons alias FD20 findet ihr bei den Kolleg*innen von f3.

App für Kommunen: Illegalen Müll digital melden

Jeder Mensch auf dem Land kennt das Szenario: Ein schöner Waldspaziergang, singende Vögel, Sonne — zack, ein Müllberg am oder im Wald. Das ist a) ziemlich ätzend, b) gegen das Gesetz und kann dafür sorgen, dass c) Leute denken: Oh, da könnte ich auch mal meine Autoreifen entsorgen. In den Gemeinden Alfdorf, Welzheim, Sulzbach und Spiegelberg bei Stuttgart hilft dagegen jetzt eine App. Statt mühsam sich durch die Behörden zu telefonieren, können Bürger*innen illegal entsorgten Müll per Smartphone melden. Das schreibt Kommunal.

Worum geht’s: Die Warnapp gehört zum Abfallwirtschaftsbetrieb im Rems-Murr Kreis. Die App war ursprünglich dazu gedacht, Informationen wie Abfuhrtermine bereitzustellen. Das Programm wurde jetzt erweitert. Mit ein paar Klicks melden die User*innen illegale Müllentsorgung oder Probleme wie überfüllte Container.

Feedback: Laut Kommunal seien in den ersten acht Wochen insgesamt 65 Meldungen eingegangen. Dabei habe es sich meistens um überfüllte Papiercontainer, Glascontainer, Vermüllung drumherum und Vandalismus gehandelt. Bisher sei die App noch recht unbekannt, deshalb wolle der Abfallentsorger noch stärker dafür werben.

Ja, aber: Erst einmal ist es gut, dass es diese App gibt. Natürlich ärgere ich mich ebenfalls extrem über Müll im Wald und finde es super, dass mensch das mancherorts fix per App melden kann. Das spart den Bürger*innen eine Menge Bürokratie. Was ich persönlich immer problematisch finde: die sogenannte Hilfe der Vielen. Das bedeutet letztendlich aus meiner Sicht, dass bei Verwaltungen weiterhin ein Sparkurs gefahren werden kann, weil ja wachsame Bürger*innen ein Auge auf die Ordnung in der Stadt haben. Gemeinsam gegen illegalen Müll: yay! Aber das sollte nicht von der teilweise starken Unterbesetzung in Verwaltungen ablenken. Grundsätzlich ist es aber gerade für Flächenlandkreise mit teilweise großen Entfernungen zwischen den Dörfern und Städten ein spannendes Tool!

Podcast: KOMMUNAL.de meets Digitale Provinz!

Ja, was soll ich sagen: Ich lese Kommunal.de täglich für den Newsletter, zitiere die Kolleg*innen fast in jedem Weekly — und jetzt sind sie auch in unserem Podcast! Kommunal-Chefredakteur Christian Erhardt hat zusammen mit Host und Head of Digitale Provinz, Daniel Krüger, über Zeitungen in der Provinz, Entwicklungen im ländlichen Raum und vieles mehr gesprochen. Klickt rein für die geballte Provinz-Profi-Power!

Tschüss & wascht fleißig eure Hände!

Bevor es ins Wochenende geht, habe ich wie immer noch was für euch. Diesmal ist es eine frohe Botschaft: ES GIBT EINEN WUNDERLIST-NACHFOLGER! Das schreibt das Linux Magazin. Die App war an Windows verkauft worden und sollte im Mai 2020 eingestellt werden. Dafür gibt es jetzt Zenkit To-Do!

Der Vorteil: Zenkit To Do beinhalte die nahezu gleiche Funktionspalette wie Wunderlist und eine ebenso intuitive Oberfläche, heißt es in der Mitteilung. Mittels Direkt-Import Funktion ließen sich Wunderlist-Listen vollständig mit allen zugehörigen Informationen, wie Anhänge, Fälligkeitsdaten oder Favoriten nach Zenkit übertragen“ — so heißt es im Linux-Magazin.

Ich werde das auf jeden Fall mal testen! Die App gibt es übrigens hier.

So, macht’s gut und stay digital! <3