Milena Glimbovski trägt auf dem Bild ein hellrosafarbenes T-Shirt und sitzt im Grünen. Vor ihr steht ein Laptop, auf den sie schaut. Daneben steht eine weiße Kaffeetasse. Das Laptop ist mit Aufklebern wie Climate Justice und Original Unverpackt beklebt.
Erst Unverpackt-Laden, dann Achtsamkeits-Kalender, jetzt ein eigenes Dorf? Gründerin Milena Glimbovski hat die Lust am Landleben gepackt. Fotos: Joakin Johanson.

Endlose Weiten statt Menschenmengen, Home-Office im Grünen und ein Garten zum Spielen fürs Kind: Während der Pandemie sehnen sich viele Großstädter*innen aufs Land. Die Digitalisierung ermöglicht es, dass das Arbeiten in Kreativberufen auf dem Dorf kein Traum bleiben muss. Doch sind W-Lan und ein Laptop wirklich das einzige, was Digitalarbeiter*innen für das Landleben brauchen? Autorin und Urbanistin Regine Glaß spricht für Digitale Provinz mit Unternehmerin Milena Glimbovski, die neben einer klimapositiven Landwirtschaft von einem Dorf träumt, das auch soziale Bedürfnisse abdeckt. „lab4land“-Netzwerker Lasse Kroll verweist auf Chancen für ausgestorbene Dörfer, die eine digitale Arbeitsgemeinschaft mit sich bringen kann und KoDorf-Visionär Frederik Fischer bemüht sich, mit pragmatischem Blick neue Zielgruppen zu erschließen.

Unternehmerin Milena Glimbovski hat 2014 den ersten Unverpackt-Laden original.unverpackt in Berlin gegründet. Bereits ein Jahr später folgte gemeinsam mit Jan Lenarz ein Verlag, in dem Bücher zur achtsamen Alltagsorganisation erscheinen – unter anderem der Kalender Ein guter Plan. Ihre neueste Idee: Ein intersektionales Dorf, in dem auf möglichst viele unterschiedliche Bedürfnisse von den unterschiedlichsten Menschen eingegangen werden kann. Wie kommt jemand von der Idee, nachhaltige Produkte, zu verkaufen, zu nachhaltigen Lebensstrukturen?

Auf Glimbovskis Instagram-Profil zeigte sie im Mai statt Bildern, die ihren urbanen Familienalltag zwischen Unternehmerin und Mutter zeigen, ein Foto ihres Sohnes vor einer Kuhweide. Dort enthüllte sie überraschend, dass sie sich bereits seit März auf dem schwedischen Land befand. In einem eigenen, roten Schwedenhäuschen arbeitete und lebte sie mit Mann und Sohn, rund zwei Autostunden von Göteborg entfernt. Sie scheute sich zunächst, dies ihren rund 26 000 Follower*innen mitzuteilen. Aus Sorge, es könnte wie ein zur Schau stellen von Privilegien wirken. Schließlich entschied sie sich aber doch dafür, in diesem und folgenden Posts zu erzählen, wie sich ihr Leben während der vergangenen Monate verändert hatte.

Aufenthalt auf dem Land verändert die Sicht

Gekauft hatte das Paar das Häuschen im vergangenen Jahr, ohne Corona voraus zu sehen. „Wir wollten einfach was Schönes auf dem Land haben“, so die 30-Jährige. Die Wahl war auf Schweden gefallen, weil sie sich dort mit ihrer Familie bisher auf Reisen sehr wohl gefühlt habe und es dort günstigere und vielfältigere Möglichkeiten gibt als in der Nähe von Berlin, ein Eigenheim zu kaufen. Als die Pandemie ausbrach, hatte die Wochenend- und Ferienunterkunft plötzlich eine ganz neue Funktion bekommen: Der Gedanke, in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung in Berlin-Kreuzberg eingeschlossen zu sein, löste in Milena Glimbovski eine Panikattacke aus. 

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It took me two months to find out how to share this with you. Because I am aware of these kind of priviliges but also not used to have them. So here we go: It has been two months now that we have lived in the countryside. In the countryside in Sweden. We came to our countryside home (which we acquired last autumn) and were going to stay until the lockdown was over. The thought of being locked up in our two room flat in Kreuzberg gave me panickattacks (well other things caused that as well). So we packed up our things. We didn't think we d stay here that long. Paul s right foot was broken when we came here and he didn't even take his right shoe because we were so sure we d be back by now. As it turns out life at the countryside isn't so bad. We can both work from home, we share caring for our son and have been isolating ourselves from most people. Except one elderly couple which really grew to my heart. We work on the garden, hardly renovate the house because mostly we are busy taking care of our son. Since we don't have a kita space yet in Berlin, so Notbetreuung isn't even an option. We decided to stay here until August, until we might get a kita space and just try to make the best of it. We are lucky and privileged that we only work 20hours per week each and share everything 50:50. My spare free time I spend in my garden, collecting wildherbs and reading. Life has slowed down in a good way and it is also the first time in more than 11 years that I have left Berlin for more than three weeks. I am grateful for being healthy and my team and making it possible that the office crew can work remotely. Corona has changed the way we socialize, consume and for us where we live until August. P. S. We didn't go to Sweden because of their loose lockdown. It has just become our favourite country for traveling. We did our own lockdown and only left the house for grocery shopping.

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Deshalb beschlossen sie, die Stadt für das Land zu verlassen, jedoch war längst nicht geplant, bis August zu bleiben. Das Leben, das sie in diesen Monaten mit ihrer Familie verbrachte, hat sie spüren lassen, dass sie dauerhaft nicht in Berlin leben möchte. Die bessere Luft, die Arbeit im Garten und der gute Kontakt mit den Nachbar*innen, die ihnen stets offen und freundlich gegenüber getreten waren: Für Milena Glimbovski überwogen vor allem die Vorteile des Landlebens. „Mir ist die Stadt wirklich manchmal einfach zu viel“, stellt sie fest. „Sie zu verlassen ist wichtig für meine Gesundheit, und um nicht in Versuchung zu geraten, ständig Termine wahrzunehmen.“ 

Rückkehr nach Kreuzberg

Erst vergangene Woche ist Milena Glimbovski nach Berlin zurückgekehrt. Nach fast einem halben Jahr auf dem Land hatte sie Angst, zurück zu kommen. „Kreuzberg ist echt das Gegenteil von Landleben“. Vermisst hatte sie von ihrem großstädtischen Wohnort nicht viel, außer zwei Dinge: Ihren Freundeskreis und die Kinderbetreuung, die der Hauptgrund war, nach Berlin zurückzukehren. Mitgebracht hat die 30-Jährige deshalb eine Idee: Was, wenn man dieses und andere Bedürfnisse auch auf dem Land abdecken könnte? In einem intersektionalen Dorf mit Gleichgesinnten? Doch was stellt sie sich darunter überhaupt vor? 

„Oft kommen auf solche Ideen [ein eigenes Dorf zu gründen] weiße Bildungsbürger*innen, die in Kreuzberg wohnen, also Leute wie ich“, sagt die Gründerin von „Original unverpackt“ und „Ein guter Plan“, „da bedenkt man viele Sachen nicht“. Ihr läge es jedoch daran, zum Beispiel auch Menschen mit Behinderung, Menschen, die sich wenig leisten können, und Schwarze Menschen mit einzubeziehen. „Für Schwarze Menschen ist zum Beispiel Brandenburg gefährlich“, sagt Milena. Darüber habe sie sich bereits mit von Rassismus betroffenen Menschen ausgetauscht. Deshalb gelte es, einen Ort zu finden, an dem sich alle sicher fühlen können. Auch ein Einbeziehen von Menschen, die sich normalerweise kein Eigenheim auf dem Land leisten können, sei ihr wichtig und müsse gemeinschaftlich geregelt werden.

Im Zentrum der Planungen stehe auch eine klimapositive Landwirtschaft, die das Dorf selbst versorgen würde. Wer will, kann dabei mitmischen, oder aber seinem eigenen Beruf nachgehen. Es gäbe neben der Arbeit auf dem Feld auch viel zu tun, bei dem auch Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen integriert werden könnten, etwa wenn es darum gehe, Obst und Gemüse zu verarbeiten oder Maschinen zu reparieren. „Da lese ich mich gerade erst ein“. Digitalarbeiter*innen wüssten oftmals gar nicht, was alles hinter dem Begriff „Landwirtschaft“ stecke.

Das inklusive Dorf für alle

Aber wären wirklich alle in so einem intersektionalen Dorf willkommen? Wie würde sie damit umgehen, wenn etwa rechte Siedler*innen mitmischen wollen würden? „Ich glaube grundsätzlich, dass sie gar nicht auf mich zukommen würden, weil sie erkennen, dass wir unterschiedliche Werte haben. Ich versuche ja zum Beispiel, meine Sprache zu gendern, nicht nur schriftlich, sondern auch mündlich“.  Aber es wäre ihrer Meinung dennoch nicht schlecht, im Vorfeld bereits Sensibilisierungsseminare, zum Beispiel zu Rassismus und Feminismus, durchzuführen, „damit man später nicht mehr so viel diskutieren muss“.

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There is a question hovering above my head and many of my friends. For some of us covid changed the way and where we live and we ask ourselves, how shall we continue? Although the past months have been incredibly hard: working, no childcare except Paul and me (part of this time he was physical limited), and the stress because of the financial and existencial threat which covid has been. In all of this I didn’t even try to think about the climate crisis. But here we are, we made it through. My mental health has been challeging the past months, but whose hasn't?  I realized living at the countryside, feeling safe, having less fear of missing out, less events, less business meetings, some new friends, but also being in the nature, having space, seeing animals, trees and fields, having a garden and planting some stuff – all of this might have helped. Now we are planning to go back to our Kreuzberg city life. I have seen through Instagram and heard through friends how life has changed in Berlin – and still I am not sure if I didn’t change even more. I would love to keep working and living in Kreuzberg and then again I need the countryside and its peace and calmness. I wonder how to combine these two needs.  Where to work, where to live, where to put the child in kindergarten (luckily it seems like we finally have a place from September on -fingers crossed). So here is my question, if you live at the countryside, or both city and countryside: How do you live and how do you manage? How do you deal with commuting? What surprised you about living at the country side? #byggnadsvard #gamlahus #torpet #lantliv #torpliv #indrening #nordiskehjem #scandinavianhome #livetpålandet #trädgard #cottagecore #countrysidelife

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Auf Instagram hatte sie ihre Idee Ende Juli mit ihrer Community geteilt und daraufhin gleich sehr viel Feedback dazu erhalten, was sich Menschen von einem intersektionalen Dorf wünschen würden. Im Austausch mit anderen wäre es möglich, ein solches Dorf nach den speziellen Bedürfnissen unterschiedlicher Menschen bereits von Anfang an zu planen: „Schon das Nachdenken darüber ist spannend“, so Glimbovski, „wenn man zum Beispiel sagt, man baut barrierefrei, ist es wichtig, gleich die Rollstuhlfahrer*innen bei der Planung miteinzubeziehen“.  Sie erhofft sich von einem idealen, intersektionalen Dorf, alle so teilhaben zu lassen, dass sie sich unabhängig von Alter, Gesundheit und Sexualität wohlfühlen können. „Auf ein gutes Leben, darauf hat doch jede*r Bock“, sagt sie enthusiastisch.

Milena Glimbovski hat sich zu diesem Thema auch bereits tiefergehende Gedanken gemacht. Gerade in Schweden habe sie eine Vielzahl von Menschen getroffen, die eine medizinische Ausbildung oder bereits in der Pflege gearbeitet haben. „Tagesdienste scheinen hier viel normaler“. Deshalb scheint ihr eine gemeinschaftliche Sorge füreinander gerade hier möglich. Die Anbindung an die medizinische Versorgung müsse jedoch, auch für ältere Menschen, gegeben sein. 

KoDorf-Mitinitiator und Summer of Pioneers-Mitbegründer Frederik Fischer trägt ein blaues Hemd und sitzt vor einem schwarz-weiß gekachelten Boden.
Frederik Fischer, KoDorf-Initiator und Summer of Pioneers-Gründer. Foto: PR.

Auch Frederik Fischer, Initiator der Ko-Dörfer und des Summer of Pioneers hat Pläne für ein neues, gemeinschaftliches Arbeiten und Leben auf dem Dorf. Er bedenkt dabei ebenfalls, viele verschiedene Menschen miteinzubeziehen. „Durch Corona ist die Zahl der Menschen im Home-Office auch extrem gestiegen“, sagt er, „es sind nicht mehr nur die Journalisten und Programmierer. Unsere Zielgruppe ist gewachsen“

Von Handwerker*in bis Digital Native

Gern würde er auch mehr Menschen in handwerklichen Berufen integrieren. Von dieser Berufsgruppe komme bisher noch nicht viel Interesse. Dabei sieht das KoDorf durchaus vor, auch Räume für Handwerk zu vermitteln, wenn dies die Häuser selbst nicht hergeben. „Viele haben viel Raumbedarf, das kann ein Grundstück bei uns nicht immer leisten“, sagt der Visionär. Andererseits gibt es in vielen Orten auch Leerstand, dabei können unter anderem Handwerker*innen helfen, Orte wieder zu beleben. „Wir sind froh, wenn wir da Brücken bauen können“, so Fischer.

Was allerdings eine Fürsorge von pflegebedürftigen Personen innerhalb der Gemeinschaft angeht, ist Fischer nicht so optimistisch wie Glimbovski: „Wir sind ein gemeinschaftliches Projekt, ohne öffentliche Förderung. Pflege ist wahnsinnig teuer, so etwas muss die Gemeinschaft beschließen. Ich halte das nicht für realistisch, da müssen wir auf bestehende Strukturen zurückgreifen“, erklärt der Gründer. 

Neben Wiesenburg (Brandenburg) und Erndtebrück (Nordrhein-Westfalen) sind auch Standorte in Hessen und Baden-Württemberg geplant. Anfang nächsten Jahres soll der Bau in Wiesenburg losgehen. Eine Community sei dort jedoch bereits zusammen gewachsen. Dabei seien Leute von Mitte 30 bis ins Rentenalter. Eine klare Mehrheit an Frauen sei auch dabei. Warum das so sei, darüber hätten die Gründer auch schon einmal nachgedacht. Zu einem Schluss sei man jedoch noch nicht gekommen. 

Bestehende Strukturen als Dienstleister?

Fischer zu Folge profitieren in kleinen Ortschaften auch die Kindertagesstätten vom Zuzug. Diese versuche man stets erst einzubinden, bevor man hier über eigene Strukturen nachdenkt. Auch Lasse Kroll vom Accelerator lab 4 land, der Akteur*innen für das Arbeiten im ländlichen Raum bundesweit zusammen bringt, sieht die Kindertagesstätten als einen lokalen Dienstleister, ebenso wie einen Dorfladen, den man mit den Zugezogenen zusammenbringen kann. Er sieht Co-Working auch als Chance zur sozialen Gemeinschaft. „Viele Dörfer sind ausgestorben“, sagt er über die Voraussetzungen, „aber das Land ist nicht per se schlecht“. Seiner Ansicht nach wird der Zuzug in die Städte in Zukunft abnehmen und der Corona-Virus, auf Grund dessen noch mehr Arbeitskräfte auf remote gewechselt sind, werde diese Entwicklung noch beschleunigen. 

Bei einem sind sich alle drei einig: Langfristig können urbane Strukturen auf dem Land nur gelingen, wenn die Akteur*innen wirklich bereit sind, aufs Land zu ziehen. Noch wohnt Lasse Kroll in Berlin, er könnte sich einen Umzug aufs Land jedoch vorstellen: „Ich arbeite remote. An meiner Arbeitswelt hat Corona nichts geändert.“

Nicht nur pendeln, sondern anpacken

Milena Glimbovski verweist darauf, dass sie von der Kulturinitiative landlebtdoch einen wichtigen Hinweis erhalten habe. In einem Kommentar auf Instagram schreibt diese: „Landleben heißt aber auch, sich für die Schule, den Kindergarten, für die Freiwillige Feuerwehr, den Theaterabend und den Dorfladen zu engagieren. Wir müssen anders als in der Stadt, die meisten Dinge selber machen, sonst gibt es sie nicht. Gerade diejenigen, die vor allem Pendeln zwischen Großstadt und Dorf, hinterlassen im Dorf eine Lücke.“ Wichtig wären Ideen, wie diese Lücken zu füllen wären. Glimbovski stimmt zu:  „Es reicht nicht, zu pendeln. Man muss sich auch unter der Woche engagieren“.

Wie das „intersektionale Dorf“ genau aussehen soll, und ob sie wirklich selbst gründet oder sich einem bestehenden Projekt anschließt, weiß Milena Glimbovski noch nicht genau. „Ich bin noch in der Recherchephase. Erst einmal möchte ich Leute abklappern und mich vernetzen“. Sie hatte aber mit ihren Instagram-Posts und Stories zum intersektionalen Dorf erst einmal sehen wollen, was theoretisch möglich wäre. Man könne auch einmal „nur rumspinnen“. Allerdings hätte genauso ihre erste Gründung, „original unverpackt“, begonnen. „Wenn es mir gelungen ist, mit 22 Jahren meinen ersten Laden aufzumachen, kriege ich vielleicht auch ein Dorf hin“.

Die Autorin: Regine Glaß ist freie Journalistin, Autorin und Texterin. Sie schreibt vor allem über urbane Strukturen, unabhängig von Einwohner*innenzahlen. Geboren in Karl-Marx-Stadt, lebt und arbeitet die studierte Soziologin und Urbanistin heute in Göteborg. Dazwischen lagen Stationen in Sachsen, Bayern, Berlin, Sachsen-Anhalt und Polen. Bei Instagram ist sie als @stadtlandtexterin zu finden, sie twittert unter @sommerhier.